Samstag, 8. Juli 2017

[Geburtstagsmonat] Elea Brandt - Charaktere auf der Couch: #3 Varek

Die heutige Therapiesitzung wird für mich besonders anspruchsvoll, denn auf meiner Couch sitzt heute mein eigener verkorkster Protagonist. Varek ist Mitte dreißig, groß, kräftig gebaut mit markanten, harten Gesichtszügen und dunklen Augen, in denen eine bittere Melancholie liegt. Er gehört den „Unbestechlichen“ an, einem Orden von Auftragsmördern, doch glücklich ist er mit diesem Los nicht.
Eigentlich hat Varek nämlich geschworen, Leben zu schützen statt zu beenden.



Varek, schön, Sie wiederzusehen. Sie sind lange nicht mehr hier gewesen
Varek nimmt auf der Couch Platz. Seine Muskeln sind angespannt und in seinem Blick liegt eine tiefe innere Unruhe. Wozu auch? Mein Leben ist ein verdammter Trümmerhaufen, ich brauche keinen Seelenklempner, der mir das bestätigt. Wie soll mir eine wie Sie schon helfen können?

Wenn Sie ehrlich zu mir gewesen wären, hätte ich auch versuchen können, Ihnen zu helfen. Sie haben mir eine ganze Menge verschwiegen, damals.
schnaubt. Wundert Sie das? Ein Auftragsmörder, der sich im Dunkeln fürchtet – können Sie sich vorstellen, wie demütigend das ist?


Sie wissen, dass ich nicht nur davon spreche.
Sie meinen das Sharak? Er knurrt verächtlich. Ich bin nicht süchtig danach, das habe ich Ihnen schon Dutzende Male gesagt. Versetzen Sie sich mal in meine Lage, dann könnten wir sehen, was Sie für ein paar Minuten Ruhe oder Entspannung alles tun würden. Das bisschen Rauschkraut ist sicher das kleinere Übel.


Hm. Macht sich eine Notiz auf dem Klemmbrett. Wie häufig rauchen Sie es mittlerweile? Täglich?
Er strafft sich erbost. Unsinn. Nur hin und wieder. Manchmal.


Mit Nachdruck. Wie oft, Varek?
Seine Stimme wird lauter. Keine Ahnung, lassen Sie mich damit in Ruhe. Das Sharak lässt mich für eine Weile vergessen, wie verdorben mein Leben ist, wenigstens das könnten Sie mir gönnen.


Ich kann das nachvollziehen, glauben Sie mir, aber Sie wissen, dass dieses Zeug nur ein trügerischer Freund ist. Sie könnten ein paar echte Freunde brauchen.
Was Sie nicht sagen. Schnaubt verächtlich. Und woher soll ich die nehmen? Aus Holz schnitzen? In Ghor-el-Chras bin ich nichts weiter als Abschaum, keiner gibt sich mit mir ab, außer denen, die ich dafür bezahle. Geld schafft keine Freunde.


Wohl wahr. Selbstmitleid übrigens auch nicht.
Er springt auf die Beine, stützt die Arme auf den kleinen Tisch vor der Couch und fixiert die Therapeutin eindringlich. Haben Sie schon einmal einen Menschen getötet? Ihm in den Augen gesehen, während er starb? Wohl kaum. Sie haben keine Ahnung, was es bedeutet, zu töten,
was es mit einem Menschen macht. Also tun Sie nicht so erhaben.

Schon gut, ich wollte Ihnen nicht zu nahetreten. Setzen Sie sich wieder, bitte.
Mit grimmiger Miene nimmt Varek Platz, immer noch angespannt, als müsse er sofort zum Sprung ansetzen. Meinetwegen. Aber kein Wort mehr über meine Tätigkeit und das Sharak, verstanden? 


Seufzt. Verstanden. Dann sprechen wir über Ihr Problem mit der Dunkelheit. Treten diese Ängste durchgehend auf oder nur manchmal?
Vareks Blick schweift ins Leere, ein leises Zittern überläuft ihn. Unterschiedlich. Es wird schlimmer, wenn ich jemanden getötet habe, wenn mich die Schuld und der ganze Frust zerfrisst. Die Nächte danach sind grauenhaft. Überall dieses Flüstern, die Schatten, die nach mir greifen … Es schaudert ihn. Vor Jahren war es noch weniger heftig, ich habe das Gefühl, mit jedem Opfer wird es schlimmer.


Können Sie die Angst in Worte fassen? Was genau geht Ihnen dabei durch den Kopf?
Ich weiß nicht. Es ist, als wäre da jemand. Etwas. Unbeschreiblich, aber immer da, immer präsent. Etwas, das auf mich lauert, das nach Rache sinnt, das mir jeden vergossenen Blutstropfen heimzahlen wird. Seine Finger graben sich in die Sofakissen, er presst die Lippen zusammen. Gegen diesen Gegner kann selbst meine Klinge nichts ausrichten. Nur Licht hilft. Ein wenig.


Ich schätze, Ihnen ist klar, dass dort kein echter Gegner auf sie lauert, nicht wahr? Alles, was Sie bedroht, sind Ihre eigenen Gedanken.
Varek zuckt die Schultern. Und wenn schon – ich kann nichts dagegen tun. Die Angst ist einfach da. Ich fürchte den Tod nicht, im Gegenteil, aber diese Panik ist schlimmer als alles andere. Ich kann nicht einmal in Worte fassen, wovor ich mich fürchte. Vor mir selbst, vor der Kirche, vor meinen Gegnern …


Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, Sie haben einfach Angst vor der Angst. Sie wissen, dass die Dunkelheit Beklemmung in Ihnen auslöst, also meiden Sie dunkle Orte, und falls Sie diese nicht meiden können, leben Sie in ständiger Sorge, dass Sie gleich in Panik verfallen könnten. Klingt das logisch für Sie?
Hm. Ja, ein wenig. Es ist aber mehr als das. Es geht … tiefer. Diese Angst. Er winkt ab. Das würden Sie nicht verstehen.

Wie Sie meinen. Sie haben vorhin erwähnt, die Ängste würden schlimmer, wenn Sie einen schlechten Tag haben. Vielleicht könnten wir da ansetzen. Was macht Ihnen denn Freude, wie könnte denn ein guter Tag für Sie aussehen?
Er blickt die Therapeutin mit einem Blick an, der pure Abscheu ausdrückt. Ein guter Tag? Er stößt ein freudloses Lachen aus. Sie machen sich über mich lustig, oder?

Mitnichten. Also, was könnte Ihre Stimmung aufhellen? Und sagen Sie jetzt nicht „gar nichts“, ich bin mir sicher, Ihnen fällt etwas ein.
Er seufzt. Meinetwegen. Ein Tag im Badehaus vielleicht, ein gutes Frühstück, ein Becher Kaffee, ein Besuch bei Bradhu in der „Traumhöhle“ …

Ähm, die Drogen lassen wir weg.
Verdreht die Augen. Meinetwegen. Sein Blick schweift in die Ferne und ein wehmütiger Ausdruck wird darin sichtbar. Wenn ich ehrlich sein soll … am liebsten würde ich die Stadt verlassen, wenigstens für eine Weile. Zurück in die Berge gehen, nach Irhassar, in meine Heimat. Den Wind zwischen den Felsen spüren, die majestätischen Bergkuppen bewundern, im Pirh nach Fischen jagen - wieder als Leibwächter arbeiten und nicht als Mörder. Er seufzt und senkt den Blick. Egal. Das wird immer ein Wunschtraum bleiben.

Wie sieht es mit Sozialkontakten aus? Haben Sie Freunde, mit denen Sie …
Jemand wie ich hat keine Freunde. Wir Unbestechlichen sind gut genug, um schmutzige Aufgaben zu erledigen, aber niemand würde auch nur eine Minute freiwillig in unserer Gegenwart verbringen oder mit mir sprechen.

Was ist mit ihrem Bruder?
Ein Zittern überläuft Varek, seine Mundwinkel zucken. Askar? Wir haben seit fünfzehn Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. Er verachtet mich, genau wie alle anderen Mitglieder unserer Familie. Er ballt die Hand zur Faust. Verdammt, dabei habe ich dieses beschissene Los nur ihretwegen auf mich genommen! Um unsere Familienehre zu bewahren! Er seufzt. Askar hat das nie begriffen.

Sie wurden damals wegen eines Verbrechens verurteilt, nicht wahr? Würden Sie mir erzählen, was geschehen ist?
Nein.
Mit Nachdruck stemmt er sich von der Couch auf.
Ich denke, es genügt für heute.

Varek, Sie sollten wirklich …


Vergessen Sie’s. Er tritt an die Tür und wirft noch einen letzten Blick über die Schulter. Sie können mir sowieso nicht helfen.


Zugegeben, Varek war nicht so gesprächig wie erhofft. Wenn ihr trotzdem ein bisschen neugierig geworden seid und wissen wollt, was es mit seiner dunklen Vergangenheit oder seiner düsteren Gegenwart auf sich hat, müsst ihr euch noch ein bisschen gedulden. Opfermond erscheint im September als Ebook und im Oktober als Print im Mantikore Verlag. Auf Amazon könnt ihr das Print aber schon vorbestellen.


Elea Brandt auf Facebook: www.facebook.com/autorineleabrandt




Quelle:

Hamm, A. O. (2017). Spezifische Phobien, PSYCH up2date, 11, 223-238.
https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/html/10.1055/s-0043-100487


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