Dienstag, 27. Juni 2017

[Geburtstagsmonat] Susanne Esch - Solus – Reise in die Vergangenheit


Und hier nun mein letzter Beitrag, der »Solus – Reise in die Vergangenheit« gewidmet ist.


Hier nicht zu spoilern ist unheimlich schwierig, aber ich hoffe, es gelingt mir und macht trotzdem neugierig auf dieses Buch.


Der Klappentext verrät, dass seit dem Ende von Band 1 (ohne Epilog!) acht Jahre vergangen sind.


Im Vordergrund dieses Buches steht, wie der Titel schon sagt, Solus.
Warum aber trägt er den Zusatz »Reise in die Vergangenheit«?
Das ist einfach zu erklären. 
Da dieser Band ja keineswegs geplant war, musste ich einen Einstieg finden, der plausibel und nachvollziehbar ist. Im »Savant« erfährt man, dass Solus so gut wie keine Erinnerung an seine Kindheit vor der Zeit im Hayuma-Konvent hat. Des Weiteren bekommt man zwar einen Überblick über seine ursprüngliche Aufgabe, was er jedoch tatsächlich erlebt hat, bleibt weiterhin im Dunkeln.
Warum – so dachte ich mir – könnte nicht auch sein Gehirn auf eine extreme Stimulation hin Erinnerungen freigeben, die bisher hinter einer undurchdringlichen Mauer verborgen waren?
Die Idee, diese Erinnerungen als Flashbacks zu installieren, die Solus zeitweise der Realität entziehen, empfand ich als eine wunderbare Gelegenheit, Yuro die Möglichkeit einer geistigen Rückführung in Betracht ziehen zu lassen, um seinem Freund zu helfen.
Somit vermischen sich in diesem Roman Vergangenheit und Gegenwart, werden persönliche Problematiken aufgeworfen und die Freundschaft der beiden jungen Männer erneut auf eine harte Probe gestellt.


Hier nun eine Leseprobe die euch vermittelt, wie Solus in den Konvent gelangte:


Das schrille Pfeifen riss den kleinen Jungen aus dem Dämmerschlaf. Sein Körper war verbunden mit Kabeln, Schläuchen, Pumpen … es klapperte und blubberte um ihn herum. Ein Blasebalg bewegte sich rhythmisch auf und nieder. Die ein- und ausströmende Luft zischte leise.
Unzählige Apparate meldeten zuverlässig jedwede Unregelmäßigkeit. So auch diesmal. Sein Blutdruck war abermals unter die Mindestgrenze gesunken.
Eilende Schritte erklangen auf dem Gang, von dem sein in sterilem weiß gehaltenes Krankenzimmer abging. Gläserne Wände ermöglichten dem Pflegepersonal, zu jeder Zeit einen Blick auf den Patienten zu werfen. Nur kurze Zeit später stand ein ganz in grün gekleideter Arzt am Bett des Kleinen, drückte den Knopf, der den Alarm unterbrach, und sah mit undurchdringlicher Miene auf das Kind nieder. Fast schon mechanisch zog er die Spritze mit dem blutdruckstabilisierenden Mittel auf, drehte von einem der vielen Zugänge den Schraubverschluss herunter, drückte die Flüssigkeit langsam und bedächtig in die Vene.

Wie lange würden sie ihn wohl noch am Leben erhalten können? Sie hatten Order von ›ganz oben‹, nichts unversucht zu lassen, aber mit jedem Tag, der verstrich, schwand die Hoffnung des Stationsleiters, diesem Jungen Hilfe, geschweige denn Heilung bringen zu können.
Die Lungenentzündung hatten sie ganz gut in den Griff bekommen. Anfangs hatte es sogar so ausgesehen, als spräche er gut auf die das Immunsystem aufbauenden Präparate an, dann jedoch waren die ersten roten Flecken unter seiner Haut aufgetaucht. Sie hatten sie genauestens untersucht, denn die Krankenvorgeschichte des Sechsjährigen war hinreichend bekannt.
Seit etwa einem Jahr war er, in immer kürzer werdenden Abständen, regelmäßiger ›Gast‹ in der Klinik. Zu Beginn waren es keine besorgniserregenden Erkrankungen gewesen. Es hatte nur wesentlich länger als bei Gleichaltrigen gedauert, bis er wieder genesen war. Auch Verletzungen heilten zunehmend langsamer, obwohl es damit bisher nie Probleme gegeben hatte.
Unzählige Untersuchungen hatten indessen bestätigt, dass sich die Zusammensetzung seines Blutes massiv veränderte. Das Immunsystem des Jungen war inzwischen fast vollkommen zerstört, die roten Flecken erste äußere Zeichen massiver Gefäßwandschädigungen, die innere Blutungen nach sich zogen.
Die Kapillaren des Kindes wurden mit jeder Stunde poröser, und nichts, was die Medizin zuwege brachte, konnte diesem Prozess Einhalt gebieten. Wenn die Wände größerer Venen und Arterien rissen, würde der Junge qualvoll verbluten.
Er musste schon jetzt unter unvorstellbaren Schmerzen leiden. Seit einer Woche war das Einzige, das sie tun konnten, diese auf ein Mindestmaß zu reduzieren und ihn intravenös mit Flüssigkeit und Nährstoffen zu versorgen.
Die Lider des Jungen flatterten, seine Augen aber öffneten sich nicht. Ob er überhaupt noch etwas von dem mitbekam, was um ihn herum vorging?
»Mama«, vernahm der Grüngekleidete mit einem Mal die matte Stimme seines Patienten, »wo ist meine Mama?«
Was sollte er dem Kind antworten? Dass sie bereits auf dem Weg zu ihm war? Dass es nicht mehr lange dauern würde, bis sie hier neben seinem Bett saß?
Die Wahrheit war um so vieles grausamer, dass er schlucken musste. Ebenfalls von ›ganz oben‹ war die Anweisung gekommen, die Frau über das Ableben ihres Sohnes in Kenntnis zu setzen. Des Weiteren hatte man sie darüber informiert, dass die Leiche des hohen Infektionsgrades wegen bereits im hauseigenen Krematorium eingeäschert worden sei. Er würde seine Mutter nie wiedersehen.
Sie war weinend zusammengebrochen, als der Stationsleiter ihr die Nachricht überbrachte, und noch einige Zeit medizinisch sowie psychologisch in der Ambulanz betreut worden, bevor ihr Lebenspartner sie abgeholt und nach Hause gebracht hatte. Auch ihm hatte man die Trauer um den Verlust ihres Kindes deutlich angesehen, aber er hatte sich mit viel Disziplin unter Kontrolle gehalten.
Irgendwo in den Kellerfluchten wurden derweil unter strengster Geheimhaltung Vorbereitungen für die Verlegung des Jungen getroffen. Nur der grüngekleidete Arzt wusste davon, und auch, wohin man dieses sterbenskranke Kind bringen wollte. Zwar war die Klinik die beste des gesamten Distrikts, aber …
Wieder stöhnte der kleine Patient, und der Mediziner strich ihm behutsam über die eingefallene Wange. »Halte durch, Kleiner!«, beschwor er ihn.
Der Name des Jungen war in der Akte, die er bekommen hatte, geschwärzt gewesen. Was das bedeutete, wusste der Mann nur zu gut. Da er den Jungen jedoch nicht permanent mit »Du« anreden wollte, und seine kupferroten Haare das Einzige waren, das irgendwie noch lebendig zu sein schien, hatte er ihn in Assoziation mit einer rotglühend aufgehenden Sonne ›Fény‹ genannt. 
Er selbst hatte ihn zwar erst vor vier Wochen kennengelernt, als er auf die Intensivstation verlegt worden war, aber da er einst ebenfalls in das Projekt involviert gewesen war, wusste er weit mehr mit den Daten der Akte anzufangen als alle Kollegen.
Mit seinen Eltern hingegen war er nie in Kontakt gekommen. Sämtliche Gespräche hatte der Stationsleiter übernommen. Trotzdem war dem Arzt nicht ein einziges Wort ihrer Unterhaltungen verborgen geblieben.
Die Geheimniskrämerei, die um dieses Kind gemacht worden war, hätte gewiss auch seine Neugier bereits im Keim erstickt, wenn er, wie so viele, nur Ausführender irgendwelcher Befehle gewesen wäre. Nach außen hin vermittelte er exakt diesen Eindruck, tatsächlich aber … er musste seine Gedanken im Zaum halten, denn noch war alles in der Schwebe.
Erneut musste der Grüngekleidete schlucken. »Sie darf dich nicht mehr besuchen kommen«, antwortete er schließlich leise. »Weißt du, du könntest noch kränker werden, wenn sie auch nur irgendeinen Keim von draußen mit zu dir hereinbringt.« Das war wenigstens nicht komplett gelogen.
Kaum merklich senkte sich der Kopf des Jungen. »Verstehe«, hauchte er. Nicht einmal Tränen glitzerten unter seinen Wimpern. Schon des Öfteren hatte der Arzt den Eindruck gehabt, dass Fény viel genauer über seine Situation Bescheid wusste, als man das von einem Jungen seines Alters vermutete.
Wieder zischte es in der Schleuse, die den Durchgang zu seinem Zimmer bildete. Vier Männer in steriler blauer Arbeitskleidung huschten lautlos in den Raum. Schnell und fachkundig wurden sämtliche Apparate von der Stromversorgung der Klinik abgekoppelt und in eine mobile umgesteckt. Noch einmal nickte der Mediziner dem Jungen zu, dann schoben die Fremden das Bett samt diesen hinaus.

Alles war bestens organisiert. Der Schwebegleiter wartete direkt vor dem gut getarnten, geheimen Zugang, als die vier dunkel gekleideten Gestalten das Bett des Jungen samt sämtlicher Geräte brachten. Das Kind schlief, wie es verabredet war. Schell war es umgelagert, die Apparate sicher verstaut. Lautlos erhob sich das Gefährt, durchdrang den Schutzschirm des Distrikts, dessen Lücke sich hinter ihm sogleich wieder schloss.
Die Reise zum einzigen Ort dieses Planeten, an dem der Junge möglicherweise Heilung erfahren könnte, war angetreten. Während des Fluges wurden die Körperfunktionen des Kindes noch einmal untersucht, mit der bestentwickelten Technologie stabilisiert. Dann zog der Leiter des Unternehmens alle Nadeln, entfernte jegliche Kabel und Schläuche.
Von ihrem Zielpunkt aus würde der Transport von Einheimischen übernommen werden. Wie der Leitungsstab das erreicht hatte, entzog sich der Kenntnis des Operationsbefehlshabers, aber dieser war es gewöhnt, Befehle auszuführen, ohne diese zu hinterfragen. Seine Aufgabe war es, das Kind im Wald von Darikon an einer ganz bestimmten Stelle abzusetzen und sofort den Rückflug anzutreten.


Als der Junge aus seinem künstlichen Schlaf erwachte, war es dunkel um ihn herum. Kein Zischen, kein Plockern, nicht einmal das leise Tropfen der stetig laufenden Infusion störte die ihn einhüllende Stille. Mühsam öffnete er die Augen. Er lag nicht mehr auf der Intensivstation des Krankenhauses, auf der er die letzten Wochen verbracht hatte.
Die Luft, die er atmete, hatte nicht mehr den sterilen Geruch, den er so sehr hasste, und gegen den er doch nichts hatte tun können. Hier duftete es nach … Wald, Erde, Moos … Natur. Er musste träumen! Seit Ewigkeiten war er nicht mehr draußen gewesen.
»Er ist aufgewacht«, hörte er unvermittelt eine sanfte Stimme sagen.
»Endlich!«, seufze eine zweite.
»Vielleicht kann er uns mitteilen, wer ihn hierher gebracht hat«, mutmaßte die erste.
»Du wirst es wohl nie lernen«, stöhnte die zweite. »Niemand, den sie hierherbringen weiß, wer es getan hat. Und keiner, der irgendwen bei uns ablegt, wird sich je zu erkennen geben. Wir sind die ›Übergangsbegleiter‹. Man erhofft sich von uns all jene Hilfe, die sie selbst nicht mehr zuteilwerden lassen können und vertraut auf die Macht der gesegneten Quelle.«
»Du brauchst mir das nicht immer wieder zu wiederholen«, lachte die erste Stimme. »Ich kenne die Mythen ebenso gut wie du, und ich schütze das Geheimnis auf dieselbe Weise. Nur Eingeweihte kennen die Wahrheit.«
Plötzlich raschelte es, als würde ein schwerer Vorhang bewegt. Jemand glitt an seine Seite. Eine warme Hand legte sich auf seinen Kopf.
»Du brauchst keine Angst vor uns zu haben«, sagte die Stimme, die er als Erste vernommen hatte. »Mein Name ist Liran. Ich bin einer der Geheimniswahrer. Sie haben dich zu uns gebracht, weil sie hoffen, dass wir dir helfen können. Ich vermag nichts zu versprechen, aber wir werden alles in unserer Macht stehende tun. Wie heißt du, mein Junge?«
Das Kind starrte weiterhin in die Dunkelheit, aber kein Laut kam über seine Lippen.
»Na ja, macht nichts«, fuhr die Stimme wenig später fort, »wenn du ihn uns nicht nennen kannst oder willst, werden wir dir einen geben. Hier, trink einen Schluck. Deine Haut fühlt sich an wie Pergament – ein sicheres Zeichen, dass dir Flüssigkeit fehlt.«

Vorsichtig wurde sein Oberkörper angehoben und ein Becher an seinen Mund gehalten. Als die ersten Tropfen seine aufgesprungenen Lippen berührten, öffneten sich diese begierig. Nie vorher hatte der Junge etwas derart Köstliches getrunken – jedenfalls konnte er sich nicht daran erinnern.
»Langsam«, warnte ihn die Stimme, »zu viel in zu kurzer Zeit wird nur dazu führen, dass du erbrichst.«
Er zwang sich, in kleinen Schlucken zu trinken. Als das Gefäß leer war, schloss er abermals die Lider und sank in den Schlaf zurück.
Ein beständiges Schaukeln weckte ihn ein weiteres Mal. Es war hell, aber die Sonne schien ihm nicht ins Gesicht. Ein Segel, das über seine Bettstatt gespannt war, schützte ihn vor deren direkter Bestrahlung.
Diesmal fiel es ihm nicht ganz so schwer, die Augen zu öffnen. Seine Wahrnehmung hingegen war verschwommen, als sähe er alles durch einen Wasserfilm hindurch. Undeutlich konnte er erkennen, dass dunklere Schatten an ihm vorbeizogen. Vor ihm bewegte sich offenbar ein Tier, an dessen Seiten die Trage befestigt war, auf der er lag. Auch hinter ihm vermutete er ein solches, denn wie anders war das gleichmäßige Schaukeln zu erklären?
»Unser kleiner Solus ist wach«, vernahm er die Stimme, die auch in der Dunkelheit schon zu ihm gesprochen hatte. Abermals hielt ihm jemand einen Trinkbecher an die aufgerissenen Lippen.
»Solus?« Fragend wandte sich die zweite Stimme an die erste, deren Inhaber sich ihm als Liran vorgestellt hatte.
»Diesen Namen habe ich ihm gegeben. Er sagt nicht, wie er heißt, und irgendwie müssen wir ihn doch nennen. Der Kleine hat wundervoll glänzende Haare … und goldene Augen. Was also passt da besser?«
»Du warst schon immer hoffnungslos romantisch«, lachte der Angesprochene. »Aber du hast recht. Er sollte seine letzte Reise nicht als ein Namenloser antreten. Sie wird auch so schwer genug für ihn werden.«
»Still, Naril!«, fuhr Liran ihren Zwillingsbruder an. »Wenn du ihm schon hier jede Hoffnung nimmst, brauchen wir unseren Weg gar nicht fortzusetzen. Das Wasser der Quelle kann ihn nicht heilen, aber es hemmt seinen Krankheitsverlauf, wie auch du unschwer erkennen kannst. Der Konvent hat einige der besten Tiefenheiler. Wenn der Junge nur durchhält … Vielleicht hat er doch noch eine Chance.»
»Hältst du ihn deswegen im Dämmerzustand?«
»Es ist die einzige Möglichkeit, ihm weitgehende Schmerzfreiheit zu gewähren. Jede Berührung, jede Bewegung muss ihm Höllenqualen zufügen. Sieh ihn dir doch an!«
Ein weiterer Schatten beugte sich über ihn. »Armer kleiner Kerl. Bist du sicher, dass es nicht gnädiger wäre, ihn in Frieden gehen zu lassen?«
»Wenn er denn gehen wollte … aber er klammert sich mit einer Kraft an das Leben …«
»Dann sollten wir zusehen, dass wir das Kloster schnellstmöglich erreichen«, lenkte Naril ein.
Solus hatte jedes Wort der Unterhaltung gehört, allein, verstanden hatte er nichts. Auch brandete nun, da er wach war, das Feuer in seinen Körper zurück. Er krümmte sich, wimmerte. Wieder legte sich Lirans Hand auf seine Stirn – und er versank in tiefer Ohnmacht.


Solus träumte.
Er sah seine Mutter neben seinem Bett stehen, fühlte, wie ihre Finger über seine Wange strichen, hörte ihr helles Lachen, als sie ihn rüttelte und ermahnte, endlich aufzustehen. »Marjell wartet auf uns. Wir wollten doch heute zusammen in den Tierpark gehen. Komm, du kleiner Langschläfer. Sonst ist der Tag vorbei, ohne dass du ihm etwas abgewinnen konntest.«
Mit einem Satz sprang der Junge auf. »Warum hast du das nicht gleich gesagt?«
Wieder lachte seine Mutter. »Wärst du dann freiwillig aus den Federn gekrochen?«
»Tierpark«, nuschelte der Kleine, während er mit dem Pullover kämpfte, dessen Kopfausschnitt allmählich zu eng für ihn wurde. Dunkel erinnerte er sich, dass am Vorabend davon gesprochen worden war. Seine Mutter hatte sich diesen Ausflug ausgedacht, damit auch er Marjell endlich kennenlernen würde. Sie hatte bereits viel von ihm erzählt, Bilder gezeigt, aber bisher hatte sie ihn nie mit nach Hause gebracht. Solus wusste nicht recht, was ihn erwartete, was er sich unter dem Begriff ›Lebenspartner‹ vorstellen sollte, er war jedoch auch erst vier Jahre alt. Seit eineinhalb Jahren besuchte er täglich das ›Haus der Entfaltung‹, wie alle Airin-Kinder seines Alters. Er hatte nicht viele Freunde, nur Kenim und Tar spielten häufig mit ihm. Eigentlich wäre er lieber mit diesen zusammen, aber den Tierpark hatte er auch noch nie gesehen.
»Hier, Traumtänzer, trink deine Milch und iss dein Brot, sonst knurrt dir nachher der Magen.« Seine Mutter packte ihren Rucksack … und dann standen sie auch schon vor dem Lirona-Gehege.
Marjell war ein großer, gutaussehender Mann mit pechschwarzen Haaren, dunkelblauen, aber strahlenden Augen und unzähligen Lachfältchen. Er nahm Solus genauso neugierig in Augenschein wie dieser ihn. Dann zogen sich seine Lippen zu einem breiten Lächeln auseinander. 
»Na, jetzt haben wir uns aber eingehend betrachtet, nicht wahr? Ich denke, ich kann dich ganz gut leiden. Meinst du, wir beide könnten miteinander auskommen?«
Solus legte den Kopf schief und dachte einen Moment über das Gesagte nach. Marjell schien es ehrlich zu meinen. Zaghaft nickte er.
Es war der Beginn eines wunderschönen Zusammenlebens gewesen. Marjell wurde sehr schnell zu dem Vater, den Solus vorher nie gehabt hatte. Er rief seine Mutter liebevoll »Raiko« – und ihn selbst »Tamin«.


Die kleine Familie hatte noch viele gemeinsame Ausflüge, auch weite Reisen unternommen.
Der Mann und der Junge waren in den Wäldern herumgestromert, hatten Asthütten, Baumhäuser und Erdhöhlen gebaut. Sie hatten die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum beobachtet, mit Staudämmen und Wehren so manchen Bachlauf verändert, Boote aus Rinde geschnitzt und diese in den Fluten um die Wette fahren lassen.
Marjell hatte mit ihm zusammen Drachen gebaut, die sie mit Begeisterung fliegen ließen. Er hatte ihn seine ersten Schwimmzüge gelehrt und nächtelang an seinem Bett gesessen, als die ersten Fieberschübe ihn schüttelten. Danach war es mit Solus’ einstmals robuster Gesundheit stetig bergab gegangen. Der anfänglich leichte Schnupfen, der ihn zu Beginn seines sechsten Lebensjahres kaum beeinträchtigt hatte, wollte und wollte nicht weggehen. Trotz wochenlanger Medikation setzte er sich sogar auf die Bronchien, weitete sich schließlich zu einer Lungenentzündung aus, die die Familie erstmals nötigte, ein Krankenhaus aufzusuchen. Hier gelang es nach einem harten Kampf, die Erreger zu eliminieren, sein Immunsystem zu stabilisieren und ihn schließlich als gesund zu entlassen. Seither jedoch war er anfällig, musste stärkende Medikamente einnehmen, sich schonen, Menschenansammlungen meiden. Auch das ›Haus der Entfaltung‹ durfte er nicht mehr besuchen. Ein Privatlehrer unterrichtete ihn zu Hause.
Marjell, der schon viel herumgekommen war, erzählte ihm stundenlang Geschichten und vertraute ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit sogar seine Kontakte und Erfahrungen mit den Einheimischen an. Wie oft hatte er gesagt, dass diese ihm womöglich effektiver helfen könnten als die beste Airin-Klinik.


Ein plötzlicher Ruck riss ihn erneut in die Wirklichkeit zurück. Sie waren auf einer weiten, von hohen Gipfeln umgebenen Ebene. Liran und Naril waren eben dabei, die Tiere von der Trage zu befreien. Dabei war Liran der Tragebügel entglitten. Das war der Grund für den Aufprall gewesen.
Solus fühlte, wie die Schmerzen mit brachialer Gewalt in seine Gliedmaßen, seine Gedärme, seinen Kopf zurückströmten. Das Wasser lief ihm aus den Augen, seine Lungen kämpfen um jeden Atemzug.
»Schnell!«, vernahm er Narils Stimme.
Diesmal vermochte nicht einmal Lirans Hand die Qualen vollständig zu bannen. Er hörte die Frau stöhnen, sah ihre wunderschönen Züge, die der seiner Mutter so ähnlich waren, sich in Pein verzerren. Dann setzte das vertraute Schaukeln wieder ein, begleitet vom Keuchen der Zwillinge.
So wenig der Junge erkennen konnte, nahm er doch wahr, dass sie sich einen schmalen, steilen Bergpfad hinauf kämpften. Unendlichkeiten schienen vergangen, als er das Pochen eines schweren Klopfers gegen eine massive Holzpforte vernahm.


Außer der »Innis-Dilogie« gibt es von mir noch die beiden Fantasy-Romane »Solifera – Sonnenbringerin« sowie »Die Rebellin von Koron«. Unter dem Pseudonym »Erin Nerung« habe ich mich mit »Geliebte« zudem an einer Liebesgeschichte versucht.


Wer mehr über mich und meine Werke erfahren möchte, kann sich gerne auf meiner Homepage (http://www.susanne-esch.de/) und meiner FB-Autorenseite (https://www.facebook.com/pages/Susanne-Esch-Autorin/1511872505710258?ref=hl) informieren.


Und hier sind noch einmal alle meine Werke in der Gesamtübersicht:





1 Kommentar:

  1. noh nie von gehört habe und neues Bücherfutter für mich wäre :-)
    VLG Jenny

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