Dienstag, 27. Juni 2017

[Geburtstagsmonat] Susanne Esch - Der Savant von Innis Teil 1


Hier stelle ich euch nun den ersten Teil der Innis-Dilogie, »Der Savant von Innis«, vor.


Innis ist ein Planet, der der Erde ziemlich ähnlich ist, nur dass es keine extremen Klimazonen wie bei uns die Wüsten oder Polgegenden gibt. Zwar gibt es auch dort Jahreszeiten, also Jahresabschnitte, in denen die Temperaturen insgesamt ansteigen oder abfallen, aber weder die »Winter« noch die »Sommer« sind durch radikale Kälte oder Hitze geprägt.


Auf Innis leben zur Zeit der Handlung meines Romans zwei humanoide Spezies:

Die Inari (Ureinwohner des Planeten) und die Airin (»Eroberer aus den Tiefen des Weltalls).


Während die Inari im Einklang mit der Natur leben, ihr Gemeinschaftssinn stark ausgeprägt ist, sie einander die benötigte Hilfe durch »geben und nehmen« zukommen lassen (Geld als Zahlungsmittel gibt es bei ihnen nicht), sind die Airin ein hochtechnisiertes Volk, bei denen »Wirtschaftswachstum« und Effektivität die alles überragenden Werte darstellen. Ihr Ziel ist es, die Urbevölkerung entweder zu »bekehren« oder auszulöschen, um den Planeten Innis ihrem Imperium einverleiben und besiedeln zu können.



Dem Expansionsdrang der Eroberer setzen die Inari einen friedlichen, aber hartnäckigen Widerstand entgegen. Immer wieder versuchen sie, den Airin ihre Lebensweise verständlich zu machen, moderate Wege für beiderseitige Akzeptanz und Toleranz zu finden – zum Teil erfolgreich, zum Teil auch nicht …


In diesen unruhigen Zeiten wachsen Yuro und Solus, fernab der »rauen Wirklichkeit«, in einem Kloster in den Grafilla-Bergen heran. Beide sind unter mysteriösen Umständen als Kinder im Hayuma-Konvent gestrandet, und werden von den dort lebenden Mönchen bestmöglich auf ihr zukünftiges Leben vorbereitet. Zelut, der Prior, ein weiser, weitsichtiger Mann, erkennt schon sehr früh, dass in Yuro mehr steckt, als das Offensichtliche. Mit Güte, Strenge und Feinfühligkeit leitet er die beiden Jungen, die, dem immensen Altersunterschied zum Rest der im Kloster lebenden geschuldet, eine innige Freundschaft geschlossen haben. Als in Yuro mit Beginn der Pubertät immense Umbrüche stattfinden, immer deutlicher wird, dass er den Drang, das Stift zu verlassen, kaum noch zu unterdrücken vermag, lässt er den jungen Mann schweren Herzens gehen – und Solus mit ihm.


Und nun ein paar kleine Leseproben:


1. Drei Tage waren sie bereits unterwegs, und nicht einmal vom Gipfel des Kimoro aus war das Kloster mehr auszumachen. Es war Yuro, selbst wenn er mit einigen Mitbrüdern in eines der nahegelegenen Dörfer unterwegs gewesen war, nie bewusst geworden, wie versteckt der Konvent lag. Er hatte die schützenden Mauern nie vermisst, denn bisher war er immer mit dem Wissen um seine Rückkehr gegangen. Diesmal war es anders. Es gab keinerlei Gewissheit – weder, ob sie finden würden, wonach sie auf der Suche waren, noch, ob ihr Weg sie jemals wieder hierher führen würde.
Seit seinem Gespräch mit Zelut waren zwölf Tage vergangen. Gleich am nächsten Vormittag hatte Solus den Prior über seine Entscheidung sowie die anschließenden Beratungen unterrichtet.
»Ich werde eure Reise gründlich vorbereiten«, war die Auskunft des Klosterleiters gewesen. »Dies wird etwa sieben bis neun Tage dauern, denn ich muss eine wirklich plausible Erklärung finden. Auch Örim und Kadam brauchen genügend Zeit, um euch entsprechend auszurüsten. Ich werde eure Mission, wie alle wichtigen Dinge, nach einer der Abendmahlzeiten ankündigen. Wenn ihr das Stift verlassen habt, werdet ihr auf euch allein gestellt sein.« Dann hatte er ihn mit dem Abschiedssegen »Geh in Frieden, Solus« entlassen.
Die Tage zwischen dieser Unterredung und ihrem Aufbruch verliefen wie alle anderen. Yuros Nächte waren teilweise mit Wanderungen, teilweise aber auch nur mit Schlaf ausgefüllt gewesen, und als Zelut ihre Reise ankündigte, fühlte er den Druck, der seit Monaten auf ihm lastete, endlich geringer werden.


2. Der Raum um Yuro herum begann sich zu drehen. Er nahm gerade noch wahr, wie Solus seine Arme ausstreckte, ihn auffing und behutsam zu Boden sinken ließ, bevor er in ein völlig anderes Szenario eintauchte …
Gepeitscht von heulenden Sturmböen jagten schwarze Wolken über den Himmel. Die Bäume bogen sich. Ab und zu nur blinkten die drei Monde zwischen den zu Fetzen zerrissenen, wogenden Vorhängen hindurch. Riesige Regentropfen prasselten auf die schon völlig aufgeweichte Erde. Blitze zuckten in faszinierenden Formen übers Firmament, erhellten die Landschaft zu bleichen Skulpturen, die wenig später erneut in der Dunkelheit versanken. Trommelfellzerfetzendes Donnergrollen folgte, ließ die Erde erbeben. Des Himmels gewaltige Schleusen schienen die Welt ertränken zu wollen, und die begleitenden Gewalten der Natur erweckten den Eindruck, dem mit all ihrer Macht Unterstützung angedeihen zu lassen.
Die im Unterholz verborgenen, schäbig anmutenden Unterkünfte, die kaum die Bezeichnung ›Hütten‹ verdienten, ächzten unter den auf sie einwirkenden Kräften, und die vereinzelt zwischen ihnen dahin huschenden Gestalten waren mit den bloßen Augen kaum zu erkennen. Heulen und Schreie verbanden sich mit dem Tosen des Windes, wurden ebenso hinweg gerissen wie die sich lösenden Dachplatten, die mit irrsinniger Geschwindigkeit gegen die Stämme der Bäume krachten.
Gespenstische Vorgänge fanden in den Baracken statt. Gedeckt vom Lärm des Orkans ermordete eine Bande fanatischer Airin die Mitglieder dieser erst kürzlich entdeckten Widerstandsgruppe. Nur wenigen gelang die Flucht, und das grelle Licht der Blitze karikierte die davonhetzenden Gestalten zu pechschwarzen Scherenschnitten.
Endlos zogen sich die Nachtstunden dahin. Erst gegen Morgen flaute der Sturm ab. Die Wolkenwand riss auf. Zaghaft tasteten sich ein paar Sonnenstrahlen in die pfützenstarrende, aufgeweichte Landschaft.
Das Lager war verwüstet, die Bewohner der Baracken ebenso tot wie die Stille, die sich nun darauf niedersenkte.
Mit brennenden Augen sah der große schlanke junge Mann in das Chaos. Sein Gesicht zuckte. Er presste das Kind, das er auf dem Arm trug, fest an sich, drückte die Hand der dunkelhaarigen, ausgezehrt wirkenden, ebenfalls noch sehr jungen Frau an seiner Seite. Dann drehte er dem Bild des Grauens ruckartig den Rücken zu und ging festen Schrittes davon.



3. Oman tobte. Die beiden Grauen, die sein Zorn traf, duckten sich unter der Wucht der auf sie einprasselnden Beschimpfungen wie unter Schlägen. So geduldig ihr Chef gewesen war, als es darum ging, ihnen die alte Experimentalreihe sowie die Wichtigkeit des erfolgreichen Zugriffsverlaufs zu erklären, so aufbrausend, ungehalten, ja, fast hysterisch gebärdete er sich nun, da das Objekt seiner Begierde, das er sicher im Griff gehabt zu haben glaubte, sich ungehindert seiner Kontrolle entzog.
Dieser Rotschopf trieb ihn schier in den Wahnsinn. Eiskalte Wut, wie er sie das letzte Mal vor vielen Jahren empfunden hatte, raubte ihm nahezu den Verstand.
Er, der ehemals abgebrühte, distanzierte, emotionslose Leiter der Genforschungsabteilung, erbebte in grenzenlosem Zorn, der sich in sinnlosen Anschuldigungen und derben Zurechtweisungen hemmungslos Bahn brach.
Hatte er sich Noron gegenüber noch mühsam zu beherrschen vermocht, ergoss sich nun die gesamte Fülle angestauter Aggressionen über seine Helfer, die schließlich, um sich ihm als willkommene Angriffsflächen zu entziehen, eilig das Weite suchten.
Keuchend und nach Luft japsend fiel Oman daraufhin auf die Rücksitze des noch immer an Ort und Stelle stehenden Schwebegleiters. Automatisch schlossen sich die Türen, grenzten den Lärm der Umgebung aus. Noch immer brodelte es in ihm.
Dass die Geistesgaben dieses Jungen ausgeprägter und vielfältiger waren, als er auch nur zu hoffen gewagt hatte, war nicht zu übersehen, dass er sich jedoch vollständig aus dem Netz, in das er ihn einst so sorgfältig eingewoben hatte, befreien konnte, erlebte er wie die Verhöhnung all seiner Mühen. Dieser Fakt war nicht nur ärgerlich, er war erschreckend, denn dadurch wurde Oman erstmals das tatsächliche Ausmaß der Fähigkeiten der Inari bewusst.
Gleichzeitig erkannte er, dass das Ziel der Airin, dieses Volk zu unterwandern, und letztendlich mit ihren eigenen Mitteln zu bekämpfen, nicht zu realisieren war. Auch schlichen sich, seit er mit Galikoms Truppe unterwegs gewesen war, und sich selbst ein Bild von der Lebens- und Verhaltensweise der Inari hatte machen können, zunehmend Zweifel an der Richtigkeit des Vorgehens ›seines Volkes‹ in seinen Geist. Es gelang ihm immer seltener, diese vollkommen zu ignorieren oder zu entkräften.
Wenn er sich, so wie jetzt – wofür er sich wiederum selbst verfluchte – erst einmal auf diese Art Gedankenspiele eingelassen hatte, eröffneten sich ihm mehr und mehr Argumente, die ihm den Widerstand des Urvolkes nachvollziehbar machten und ihn den von den Airin geführten Eroberungsfeldzug kritischer zu betrachten nötigten. Dieser Zwiespalt machte ihn fertig. Einerseits nämlich empfand er ausgeprägte Bewunderung für die Gaben der Ureinwohner, und auch für die absolute Friedfertigkeit, mit der sie sie handhabten. Andererseits hingegen bemächtigte sich seiner eine unbändige Wut, wann immer er genau damit konfrontiert wurde.
Abermals entfloh seinen Lippen ein kehliger Laut. Nein! Er wollte, er durfte nicht abtrünnig werden! Krampfhaft rief er sich zur Ordnung, drängte die aufrührerischen Überlegungen beiseite, kämpfte die aufkeimenden Sympathien nieder. Es war, wie immer, ein zähes Ringen … aber letztendlich triumphierte der ›alte Oman‹.
Noch war das Kind nicht in den Brunnen gefallen, wenngleich der Speicherchip zerstört, und der Datensammler ihm wiederum entwischt war. Aber so schnell gab er nicht auf. Das nächste Mal würde er selbst den Rotschopf in seine Gewalt bringen und ihn nie, nie wieder entkommen lassen!
… und im nächsten Beitrag geht es mit »Band 2« weiter …

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