Freitag, 30. Juni 2017

[Geburtstagsmonat] Monja Schneider - Zu Besuch bei meinen Protagonisten

Ich stehe vor einem hohen schmiedeeisernen Tor. Die Spitzen sind vergoldet. Eine Mauer umgibt das Grundstück. Durch die Stäbe des Tores kann ich einen Garten erblicken, ein gepflasterter Weg, eine breite Treppe, die zum Eingang eines Palazzos führt. Vor dem Tor muss ich erst einmal zu Atem kommen. Der Weg den Hügel hinauf war anstrengend, wenn auch schön gelegen, gesäumt von Pinien und Zypressen. Tief atme ich ein. Dieser Duft … Ich wende mich um und blicke zurück.  Die Stadt liegt mir zu Füßen. Im Hafen liegen die Schiffe friedlich in der Sonne. Die Segel sind eingeholt. Ruderboote fahren zwischen den Lagern und den Handelsschiffen hin und her und löschen die Ladung. Der Lärm im Hafen war ohrenbetäubend, als ich angekommen bin. All die schreienden und fluchenden Matrosen und Hafenarbeiter. Doch hier oben ist es still, ungewohnt still für jemand, der aus der modernen Welt in die Renaissance gereist ist. All die Hintergrundgeräusche, die wir schon gar nicht mehr wahrnehmen, Flugzeuge, stark befahrene Autostraßen. Hier höre ich nur den Gesang der Vögel. Und Schritte hinter mir. Ich zucke zusammen und wende mich um. Ein älterer Mann steht am Tor.
»Kann ich helfen, meine Dame?« Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Ich habe ihn noch nie gesehen, aber ich erkenne ihn sofort.
»Marco?«
»Gewiss, meine Dame!«
»Ich habe ein Treffen mit Principe Gabrielli vereinbart.«
»Ah – der Principe erwartet Euch.« Marco, der alte, treue Majordomus, öffnet das Tor und lässt mich ein.





Er führt mich auf einem kleinen Seitenweg um den Palazzo herum in den Park. Auch hier sind Pinien und Zypressen gepflanzt, Buchsbaum und vor allem Rosen, immer wieder Rosen. Marco führt mich weit in den Park hinein zu einer Wiese. Zwei Männer stehen sich dort gegenüber, den Degen in der Hand. Sie unterbrechen ihr Training, als sie mich erblicken. Der eine legt den Degen zur Seite und kommt mir entgegen. Ein breites Lächeln zieht über sein Gesicht. Principe Laurenzio Francesco Victoriano Maria Daniele Gabrielli, den all seine Freunde nur Enzio nennen, steht mir gegenüber. Er nimmt meine dargebotene Hand und küsst sie.

»Meine Autorin! Es ist mir eine Freude, Euch auf meinem Anwesen begrüßen zu dürfen. Marco, bringe unserem Gast eine Erfrischung.«

»Gewiss, Herr, gewiss!« Der alte Diener schlurft davon. Principe Gabrielli reicht mir seinen Arm. Ein wenig verlegen lege ich meine Hand darauf. Enzio ist schlank, einen Kopf größer als ich. Seine langen dunklen Haare sind im Nacken zu einem Zopf gebunden. Eine Narbe zieht sich über Stirn und Wange. Eigentlich müsste ich mich dafür entschuldigen, oder? Ehe ich mich entschieden habe, beginnt Principe Enzio das Gespräch.

»Ihr seid also den ganzen weiten Weg gekommen, nur, um sie zu sehen? Nun, das verstehe ich.« Er führt mich zurück in den Rosengarten. »Sie ist wirklich etwas ganz Besonderes. Ich kann gar nicht sagen, wie glücklich ich bin, dass ich sie die Meine nennen darf.«



Schon von weitem nehme ich ihren Duft wahr. Eine purpurne Rose, die eine Laube völlig überwuchert. Ich kann gar nicht anders, als meine Nase zwischen die Blüten zu stecken. Der Principe beobachtet mich grinsend.

»Sie ist wirklich etwas ganz Besonderes, eine seltene Züchtung. Wer einmal ihren Duft eingeatmet hat, wird süchtig danach.« Einige Momente verweilen wir bei der Rose.

»Enzio!« Eine junge Frau eilt vom Palazzo her auf uns zu, gekleidet in ein helles Kleid, den Sonnenschirm dreht sie spielerisch in ihren Händen. Enzio blickt ihr lächelnd entgegen.

»Und hier ist sie! Die Frau, die Ihr mir zur Seite gestellt habt, meine Frau Autorin. Ich kann Euch gar nicht sagen, wie dankbar ich Euch dafür bin.« Principe Enzio hat noch nie viel Wert auf Standesregeln gelegt. Er umfasst seine Braut und küsst sie, hier, mitten im Garten. Die beiden vergessen mich völlig. Dezent ziehe ich mich zurück und lasse die beiden alleine.


Ich finde mich an der Ligurischen Küste wieder. Häuser in Gelb und Rot, teils scheinen sie in den Felsen zu kleben. Hinter mir hupt ein Auto. Schnell springe ich zur Seite. Ich bin im Hier und Heute angekommen. Vor mir liegt eine kleine Bucht, das Meer leuchtet azur, die Sonnenstrahlen funkeln auf dem Wasser. Am Ufer liegen einige Boote, am Sandstrand haben sich ein paar Leute niedergelassen. Die kleine Ortschaft ist noch nicht von Touristen überschwemmt. Bonassola – die Heimat meines Fabio Castellani. Ich wende mich vom Strand ab und bummle durch die Straßen, gönne mir ein Eis. Ach, das leckere italienische Gelato.

Fabios Elternhaus liegt ein wenig abseits, in den Hügeln. Das Wohnhaus und gegenüber der ehemalige Stall, der umgebaut wurde und nun Gästezimmer beherbergt. Fabios Großvater war noch Fischer und bewirtschaftete ein Stück Land, besaß einige Hühner und ein paar Schafe, eine Kuh. Fabios Eltern hatten auf ein Gästehaus umgesattelt.

Während ich noch vor der Einfahrt stehe und das Haus anstarre, kommt ein Jogger die Straße entlang. Ein Mann Ende zwanzig, schlank, durchtrainiert. Er bleibt stehen und starrt mich an.
»Frau Autorin?«
»Fabio Castellani? Ich wusste gar nicht, dass du … ähm … Sie zuhause sind.«
»Bleiben wir doch einfach beim Du! Du kennst doch sowieso jedes meiner Geheimnisse.« Er lächelt breit. »Benvenuto! Komm doch mit herein.« Er legt einen Arm um meine Schultern und zieht mich einfach mit. »Meine Eltern werden sich freuen. Und Fleur sowieso.«
»Darf ich mir das Grundstück näher ansehen? Ich bin neugierig ...«
»Klar« Er führt mich über den Hof. Das Grundstück ist größer, als es auf den ersten Blick scheint. Hinter dem Gästehaus führt ein schmaler Pfad zu einem Garten mit Olivenbäumen. Eine Bank lädt die Gäste ein, in dieser gemütlichen, stillen Ecke auszuruhen. Am Rand des Gartens steht eine Scheune.
»Ein paar Schafe hat mein Vater noch. Aber das weißt du ja.« Fabio grinst schelmisch und läuft mit mir zu der Scheune hinüber. Die Schafe sind schon wieder in ihrem Verschlag.
»Gib es zu, diesen Ort wolltest du sehen ...« Ich werde ein wenig rot. Er hat mich ertappt. Unwillkürlich schaue ich nach oben, auf den Heuboden. »Genau, das ist der Ort, an den ich mich mit Fleur zurückziehe, wenn ich einmal mit ihr alleine sein will. Nur schade, dass meine Geschwister manchmal dieselbe Idee haben.« Wir lachen beide bei der Erinnerung an das erste Weihnachtsfest, das Fleur und Fabio miteinander verbracht haben.
»Komm, du musst Fleur kennenlernen! Und meine Eltern. Sie warten sicher schon mit dem Abendessen auf mich. Du bist eingeladen!« Ich kann diesem freundlichen Lächeln nicht widerstehen. Auch wenn ich befürchte, dass ich von diesen gastfreundlichen Menschen nicht so schnell werde loskommen können. Eigentlich habe ich noch andere Protagonisten besuchen wollen. Naja, ein anderes Mal …






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