Sonntag, 18. Juni 2017

[Geburtstagsmonat] Lily Konrad - Wie meine Geschichten entstehen

Heute dreht sich alles um Lily Konrad. Ihre Bücher habe ich zum Teil bereits gelesen und mir haben sie gut gefallen. :)

Lily Konrad
Hallo, ihr Lieben. Wie schön, dass euch meine Beiträge interessieren. Ich freue mich sehr euch meine Arbeitsweise und meine Bücher heute ein wenig näher bringen zu dürfen. Beginnen möchte ich mit einer Beschreibung, wie meine Geschichten entstehen.

Eine der Fragen, die Autoren am häufigsten gestellt werden, ist die nach der Inspiration: „Woher holst du dir deine Ideen?“

Bei mir ist das sehr unterschiedlich, aber eigentlich „hole“ ich sie mir nicht, sondern sie finden mich. Da ist ein Satz oder auch eine Liedzeile, die ich irgendwo höre oder lese, eine Person, die ich irgendwo sehe, eine Stimmung, die ich wahrnehme – und plötzlich habe ich ein paar Bilder dazu im Kopf, die sich zu Worten, dann Sätzen formen. Das ist der Anfang, etwa vergleichbar mit einem Stück Faden, den man weiterverfolgen kann. Und wie bei Wolle gibt es ganz unterschiedliche „Erzählfäden“: einfarbige und bunte, glatte und raue, solche die endlos weiterzugehen scheinen und solche, die gleich wieder abreißen. Ich suche mir die schönsten heraus und daraus werden dann meine Bücher.

Klingt zu abstrakt? Okay, werden wir konkreter. Stellt euch vor, ihr sitzt in einem Restaurant, draußen am Fenster hastet eine Frau mit langen kupferfarbenen Haaren vorbei und plötzlich macht es in eurem Kopf „Ping“. Gerade so, als sei eine Nachricht auf eurem Handy eingetroffen. Das wäre so eine typische Situation, in der mich eine Idee findet. Oder besser: gefunden hat, denn diese kurze Begebenheit hat sich genau so zugetragen. Die „Nachricht“, die ich dabei empfangen habe, lautete in etwa so:

„Eine kleine, zierliche Frau mit flammend roten Haaren betrat hastig das Café, blieb hinter dem Eingang stehen und schaute sich gründlich um. Sie war auffallend hübsch, aber sie wirkte müde und gehetzt. Ihre Bewegungen waren fahrig und hektisch, sie sah blass aus und hatte tiefe, dunkle Ringe unter den Augen. Ihr hellgraues Business-Kostüm und die weiße Bluse waren zerknittert und wirkten so, als würde sie diese Kleidung schon seit mehreren Tagen tragen.“

Naja, glücklich wirkt diese Frau nicht gerade, aber gerade das macht sie interessant. Der nächste Schritt für mich ist dann herauszufinden, wer sie ist. Wie heißt sie? Wo wohnt sie? Was hat sie für Eigenschaften? Sie trägt ein Businesskostüm? Also kommt sie von der Arbeit? Was für einen Beruf hat sie? Warum ist sie so müde und hat tiefe Ringe unter den Augen? Was will sie in dem Café?

Natürlich muss ich Antworten auf alle diese Fragen finden, aber nur wenige davon werden ins Buch aufgenommen. Für mich ist es wichtig, diese Frau genau kennenzulernen, damit ich weiß, was sie empfindet, wie sie sich verhält und bewegt, wie sie spricht. Nur so kann sie eine authentische Person in meiner Geschichte werden. Aber das ist gewissermaßen mein Hintergrundwissen, auf dem die Handlung aufbaut. Nur die wichtigsten Fakten schreibe ich dann auch ins Buch. Beispielsweise die Antwort auf die letzte Frage: Was will diese Frau in dem Café?

„Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass niemand im Lokal war, den sie kannte, ließ sie sich in eine der Bänke fallen, bestellte sich einen Cappuccino und starrte eine künstliche Blume an, die vor ihr auf dem Tisch stand. Sie schaute nur noch stur geradeaus, nicht nach rechts und nicht nach links, auch nicht, als die Bedienung ihre Bestellung brachte. Kein Wort kam über ihre Lippen, stattdessen nickte sie nur stumm, aber ohne die Kellnerin anzusehen.

Erst als diese sich wieder entfernt hatte, zog die Frau langsam ein Handy aus ihrer Handtasche. Es hatte den Anschein, als würde sie jede Bewegung unendliche Anstrengung kosten, als sie den Blick von der Tischplatte vor sich löste und auf die Tastatur ihres Handys richtete.

Schließlich seufzte sie tief und tippte eine Nummer ein. Es dauerte eine ganze Weile, bis ihr Anruf entgegengenommen wurde.

„`llo?“, fragte eine verschlafene Männerstimme.
„Craig?“, vergewisserte sie sich.
„Ja.“
„Ich bin’s. Rena.“

Hah! Damit ist auch gleich meine erste Frage beantwortet, denn nun hat sie einen Namen. Rena. Heißt sie wirklich so oder ist das eine Abkürzung? Wer ist dieser Craig? Und warum schläft der mitten am Tag? Also, als ich an dieser Stelle angekommen war, wollte ich die Antworten auf diese Fragen unbedingt wissen. Ihr auch? Dann lest weiter:

„„O, hallo Süße.“ Kissen raschelten. Offensichtlich richtete sich der Mann am anderen Ende der Leitung in seinem Bett auf.
„Tut mir leid, dass ich dich um diese Zeit anrufe. Ich weiß, dass es in deinem Teil der Welt jetzt mitten in der Nacht ist.“
„Halb so wild. Ich habe nichts dagegen, dich bei mir im Bett zu haben.“
Trotz allem musste sie lächeln.
„Das klingt verlockend, Craig.“
„Wem sagst du das.“
Sie riss sich zusammen.
„Craig, ich würde dich nicht anrufen, wenn’s nicht wichtig wäre.“
„Kann ich mir denken. Er hat’s versiebt, nicht wahr?“
Sie nickte, bis ihr einfiel, dass ihr Gesprächspartner das nicht sehen konnte.
„Ja, Craig, hat er.“
„Ganz oder nur teilweise?“
„Kannst du dich ins nächste Flugzeug setzen und herkommen?“
„Oh.“ Nun klang er kein bisschen verschlafen mehr. „So dramatisch?“
„Nein, Craig. In Wirklichkeit ist es noch weitaus schlimmer.“
„Ich kümmere mich sofort um einen Flug. Und sobald ich weiß, wann ich bei dir sein kann, sage ich dir Bescheid.“
„Das ist … Danke, Craig.“
„Ich würde alles für dich tun, Rena.“
„Ich weiß, Craig. Danke.“
Aber er hatte schon aufgelegt. Sie ließ das Handy sinken, legte den Kopf zurück und schloss die Augen. Erst rollte eine Träne über ihre linke, dann eine über ihre rechte Wange, danach zwei gleichzeitig. Schließlich war es, als sei ein Damm gebrochen, und Rena weinte hemmungslos, aber ohne dabei einen Laut von sich zu geben.“

Da habt ihr ihn, meinen Erzählfaden. Einen bunten, stabilen, der zu einer Geschichte führt, die ich euch in ganzer Länge erzählen werde. Denn spätestens an dieser Stelle ist meine Neugier endgültig geweckt. Wer ist dieser Craig? Was verbindet ihn mit Rena? Offensichtlich mögen sich die beiden, sind aber nicht zusammen. Und wer ist „er“, von dem in dem Gespräch die Rede ist? Was hat er versiebt? Himmel, was ist überhaupt passiert?

Antworten kommen mir erst beim Schreiben in den Sinn. Deshalb plotte ich solche Geschichten nicht und ich schreibe nicht notwendigerweise chronologisch. Den Fragen nachzugehen, ist für mich genauso spannend wie einen guten Film zu schauen. Manchmal kann ich es gar nicht abwarten, wieder an mein Laptop zu kommen um zu erfahren, wie es weitergeht. Das genau meine ich, wenn ich behaupte: Ich schreibe, weil es mir Spaß macht.

Eine Bekannte sagte kürzlich zu mir: „Du lebst in zwei Welten – in deiner Fantasiewelt und in der Wirklichkeit.“ Das stimmt. Meistens sind es sogar mehr als zwei, weil ich mehrere Geschichten gleichzeitig im Kopf habe. Und ich genieße es, beliebig von einer in die andere wechseln zu können. Aber erst wenn mir meine Leser in meine Fantasiewelt folgen und sich dort wohlfühlen, bin ich so richtig zufrieden.

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