Montag, 19. Juni 2017

[Geburtstagsmonat] Jürgen Albers - Wie 'Crossroads' entstand


Ehrlich. So ganz genau, weiß ich es nicht mehr. Also wann die Idee zu Crossroads kam.

Ich hab mal Neuere Geschichte im Nebenfach studiert. Aus Neigung. Geschichte hat mich immer fasziniert. Warum Dinge passieren. Warum eins zum anderen führt. Und was wir daraus lernen können.

Was mich aber immer am meisten fasziniert hat, waren die Folgen der "großen Ereignisse" auf die kleinen Leute. Ich habe da ein Lieblingsbuch. Das ist "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" von Alexander Solschenizyn. Ein Tag im Leben eines einfachen Zimmermanns in einem sowjetischen Straflager, verurteilt zu 25 Jahren Zwangsarbeit. Ein einfacher Mann, erfasst im Strudel der Weltpolitik. Die Idee saß fest. Was passiert mit dem einfachen Menschen, wenn ihn die Weltgeschichte erfasst?

Irgendwann, bei einer Recherche, bin ich wieder auf die deutsche Besetzung der britischen Kanalinseln gestoßen. Eine Arabeske der Geschichte, nicht mehr. Aber da war wieder der Gedanke des kleines Mannes. Und plötzlich war er da: Der Funken. Die Idee. Eines Mordes, exakt in dem Moment, in dem die staatliche Ordnung zusammenbricht. In dem Bomben fallen, Menschen sterben, der Krieg seine grausige Ernte hält.

Ich habe 2011 angefangen zu schreiben. Nein, halt. Falsch. Ich habe 2011 angefangen, an dem Roman zu arbeiten. Über eine zurückliegende Zeit schreibt man nicht einfach so. Schnell merkte ich, wie schwierig es ist, über bzw. in einer Zeit zu schreiben, die man nicht aus eigenen Erfahrungen kennt. "Sie zog ihre Lippen mit dem Lippenstift nach." Einfacher Satz? Nein. Seit wann gibt es funktionierende Lippenstifte? Na... irgendjemand eine Idee? Und glänzend roter Nagellack? Ja? Ab wann? 1920? 1940? 1950? Und damit begann ein gewaltiger Mahlstrom von Fragen. Welche Mode galt 1940? Was trugen Herren, was Damen? Wie sah Schmuck aus? Schuhmode? Welche Zigarettenmarken waren en Vogue? Autos? Witze? Worüber lachte man 1940? Was bewegte die Menschen? Sport? Was stand auf dem Speiseplan? Da möchte man einfach einen spannenden Roman über die 40er Jahre schreiben und plötzlich hat man hundert, nein tausend Fragen. Okay, man kann das alles weglassen. Neutral schreiben. Zeitlos. Aber ist das dann authentisch? Kann man die Atmosphäre dann glaubhaft schildern, ohne Mode, Essen, Gewohnheiten, ohne Hintergrund? Ich meine nein. Ich kann und will meine Romane nur so schreiben. Ich bewundere Ken Follett, einen der kraftvollsten Schriftsteller unserer Zeit. Nicht nur wegen der spannenden Stories, den interessanten Charakteren, sondern auch wegen seiner akribische Recherche. Ja, man kann auch ohne, aber ich wollte immer so schreiben wie er: mit viel Hintergrund und Atmosphäre.

Ich recherchierte viel und schrieb wenig und nach ungefähr einem Jahr neigte sich das Verhältnis. Ich brauchte weniger Recherche und schrieb mehr. Irgendwann war der erste Entwurf fertig. Irgendetwas bei 600 Seiten stark. Dann begaben wir uns, mein Buch und ich in die Hände einer Lektorin. Ich kann und will nicht alles erzählen, aber nach dem Lektorat war die Geschichte glatter und ich hatte etwas mehr als 200 Seiten rausgeschmissen. Ja. 200. Mehr als ein Drittel der Gesamtstory und zwei komplette Nebenhandlungen fielen dem Lektorat zum Opfer. Ich habe sie noch. Wer weiß, wofür man sie wiederverwerten kann ;) 

Ich überspringe einige Punkte. 2012 kam es zur ersten Veröffentlichung, die ein Reinfall war. Ich hatte keinerlei Marketing geplant und das ist in einem Markt, in dem 20.000 Bücher pro Jahr erscheinen. Aus heutiger Sicht idiotisch. Ein Sprichwort sagt: Geschäfte zu machen ohne Marketing ist so, als winke man einem Mädchen bei stockfinstrer Nacht zu. Du weißt, was du tust, aber niemand anders weiß es.

Es kam 2016, es kamen viele Gespräche mit Buchmenschen. Buchhändlern, Bloggern, Verlagsmenschen. Viele rieten mir, das Buch zu überarbeiten. Ohne zu ahnen, wie viel Arbeit das werden würde, begann ich. Neues Lektorat, wieder ungefähr 100 Seiten raus und 100 neue Seiten rein. Liest sich so schnell, gell? Hat mich Monate und endlosen Schweiß gekostet. Dann testlesen mit lieben Buchmenschen, denen ich unendlich viel verdanke. Wieder Korrektur, mehrere Kapitel noch einmal umschreiben. Dann nochmal Testlesen und abschließend drei Durchgänge Korrekturlesen. Zweimal hat eine Korrektorin gelesen, dann ich als letztes.

Während der Überarbeitung habe ich eine wunderbare Cover-Designerin gefunden, Tina Köpke, die mir ein genial schönes Cover gestaltet hat. Dann wurde noch die eBook-Variante angepasst und beide Versionen konnten auf den Markt.

Wenn ich das alles noch einmal lese, scheint alles so geplant, so mühelos. Letzteres war es nicht. Schreiben sei ganz einfach, hat Ernest Hemingway mal geschrieben, man müsse sich nur an die Schreibmaschine setzen und bluten. So ist es. Man blutet. Alles für die Hoffnung, dass die eigenen Gedanken, die eigenen Worte für Euch, für die Leser Türen sein mögen, die Euch in andere Welten entführen, die Vergnügen bringen.




Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen