Sonntag, 23. Oktober 2016

Wie entstand deine Protagonistin "Sibel Schmitt" Joachim Widmann?


Hallo ihr Lieben :)
Heute stellt euch der Autor Joachim Widmann Protagonistin vor und wie sie entstanden ist. :)


The Making of Sibel Schmitt
Von Joachim Widmann, Autor der Thriller „Schmitts Hölle – Verrat“, „Die Frau im roten Kleid“ und „Schmitts Hölle - Countdown“

Thrillerschreiben nach dem Lehrbuch (oder den Lehren einschlägiger Seminare) geht so: Du denkst dir einen Protagonisten und ein Thema aus, machst dir einen Plan nach dem Bauschema irgendeines Bestsellers, dann arbeitest du ihn ab – Wendepunkt für Wendepunkt. Nach ein paar Monaten hast du das Buch fertig. Ganz so leicht ist es aber nicht. Zumal mit einer Protagonistin wie Sibel Schmitt.


Schmitt, „Berlins taffste Polizistin“, ist nicht das Ergebnis von Produktmarketing. Sie tauchte, wie eine neue Bekannte oder Freundin, plötzlich auf mit diesem überaus wachen Blick, 36 Jahre alt, groß, dünn, dunkel, sehr hübsch trotz der Narbe in ihrem Gesicht, und sie stürzte sich, ohne sich selbst zu schonen, Terroristen entgegen. Das war eine Buchidee Ende 2001 oder Anfang 2002, und damals wie heute hätte das Produktmarketing zumindest teilweise gegen diese Thriller-Hauptfigur gesprochen.

Hauptfiguren sollen für Identifikation beim Publikum sorgen und müssen im Thriller auch überzeugend mit den Situationen fertig werden können, in die sie geraten. Schmitt sollte ursprünglich islamische Terroristen verfolgen und darauf stoßen, dass diese von den Staaten des Westens selbst quasi „gemacht“ worden waren. Als ich den Text Jahre später wieder aufnahm, waren es unter dem Eindruck der gerade ans Licht gekommenen Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds Neonazis, denen Schmitt auf die Spur kam. Schmitt blieb Schmitt.

Diese sensible, verschlossene Retterin, „larger than life“, wie ein Leser-Rezensent schrieb, und zugleich immer am Rande des Absturzes, ist nach Ansicht einiger kritischer Verlagslektoren Marktgift: Da die Leserschaft zu 80 Prozent weiblich ist, findet eine Frau als Hauptfigur zwar durchaus Beifall. Aber muss sie türkische Wurzeln haben und Muslima sein? Braucht sie wirklich eine traumatische Familiengeschichte? Und ist es nötig, dass sie bei aller Sensibilität und Zerrissenheit zuschlägt wie ein Kerl, wenn es sein muss? Zu viele Brüche, zu wenig Political Correctness, lautete die Kritik.

Ich weiß nicht, wie andere Autoren das halten – aber ich könnte Schmitt nicht ändern. Während ich an jenem jahrealten Thriller-Fragment, aus dem „Schmitts Hölle – Verrat“ (erschienen 2015) wurde, auf dem Weg dorthin so gut wie alles umschrieb, blieb Schmitt, wie sie von Anfang an gewesen war.

Mehr noch: Sie bestimmt die Handlung der Bücher, in denen sie auftritt, mit. Denn mein „Plan“, der jeweils aus Notizen in Form kurzer Kapitel-Zusammenfassungen besteht, hält Schmitts Ermittlungen häufig an entscheidenden Stellen nicht stand.

Um dies zu verstehen, muss man einen Blick ins Räderwerk eines Thrillers werfen. Thema und Grundkonstellation stammen (idealerweise minutiös recherchiert) aus der Realität, zum Thriller wird das Ganze durch eine fiktive, möglichst scharfe Zuspitzung. Die Spannung entsteht daraus, dass der Leser die Katastrophe unausweichlich nahen sieht oder die Lösung bereits ahnt (oder beides), während der Protagonist noch ahnungslos in irgendwelche Verwicklungen verstrickt ist.

Auftritt Schmitt: Sie ist oft viel zu klug, um die von mir geplanten Verwicklungen nicht sofort zu durchschauen – schon wirkt eine Szene, die im Plan gut aussah, nicht mehr authentisch. Es gibt jedoch nichts Ärgerlicheres für einen Leser, als wenn der Autor sichtlich bemüht ist, den Knoten noch etwas länger zu schürzen, und billige Tricks anwendet, um seine Story nicht ändern zu müssen. Also lasse ich Schmitt Raum, anstatt sie zu bremsen. Schon ändert sich das Buch. Und da dies gern genau an Wendepunkten vorkommt oder einen neuen Wendepunkt schafft, kann sich die Geschichte daraufhin sehr weit drehen müssen, bis in der Handlung wieder Spannung ist.

Das geschieht recht häufig. Es mag etwas verrückt klingen, aber es ist tatsächlich so, dass Sibel Schmitt ihren Autor dominiert. Es ist eine Art Machtkampf zwischen ihr und mir. Mache ich es ihr zu leicht, besteht die Gefahr, dass sie diagonal durch den Plot bricht, ohne die Türen zu benutzen, und die ganze Geschichte ist hin. Sehr gut passt es, wenn dieser Druck über längere Textstrecken spürbar wird, ohne dass etwas bricht. Etwa in „Die Frau im roten Kleid“ (Neuerscheinung), wo Schmitt ihre Undercover-Rolle zwar mit Bravour spielt, aber indem sie sich passiv-aggressiv gegen die an sich erforderliche totale Unterwerfung auflehnt, was jederzeit zu ihrer Entdeckung führen kann.

Schmitt provoziert aber nicht nur den Machtkampf mit ihrem Autor. Andere Protagonisten wissen sich ihrer Intensität nicht anders zu erwehren als mit Verzweiflungsakten, die in keinem meiner Storypläne standen. So kommt es in meinem jüngsten Thriller, „Schmitts Hölle – Countdown“, zu dem Kampf mit ihrem Kollegen Hertlein: Er weiß sich der Hartnäckigkeit, mit der Schmitt sich für eine offensichtlich unschuldig inhaftierte Frau stark macht, nicht anders als mit einer Wette unter Kampfsportlern zu widersetzen. Dies war nicht geplant, die Idee passte aber in dem Moment, in dem ich an der Szene schrieb, viel besser zu dem vierschrötigen Kerl, als weiter juristische Argumente mit Schmitt zu tauschen.

So, nun ist es raus: Sibel Schmitt ist auf ihre Art eigentlich Co-Autorin der Bücher, in denen sie auftritt.

Die sind als E-Books gerade alle auf Top-Positionen im Amazon-Ranking der Politthriller.  Schmitt dankt.

Mit einem Klick auf den Titel kommt ihr zum Buch.
Alle Thriller mit Sibel Schmitt als E-Books noch für kurze Zeit zum Neuerscheinungs-Sonderpreis 99 ct.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen