Montag, 7. Dezember 2015

Adventskalender Tag 7: Trywwidt

Tag 7 öffnet sich später und doch werdet ihr es nicht bereun, denn heute gibt es eine tolle Leseprobe von Klara Bellis.




Auszug aus dem Kapitel „Kaffeekränzen“ aus dem Roman „Trywwidt – Die Kaiserin der ewigen Nacht“ von Klara Bellis
In diesem Kapitel trifft die Elfe Trywwidt auf eine ältere Dame, die sie zum Kaffeetrinken einlädt. Trywwidt hat dabei das Problem, dass sie die menschliche Ernährungsweise als brutal und unethisch empfindet und gleichzeitig muss sie geheim halten, dass sie eine Elfe ist.

... Jetzt kam die Menschin wieder ins Wohnzimmer geschlurft und ein würziges Aroma breitete sich im Zimmer aus. Die Alte hielt eine blaue Kanne in der Hand, aus der Dampf aufstieg. Am Daumen der anderen baumelten zwei weiße Tassen mit einem Rosenmuster. Sie stellte die Kanne auf einen gehäkelten Untersetzer vor Trywwidt auf den Tisch und platzierte die Tassen direkt neben ein kleines Schälchen mit funkelndem Kristallsand und einem Kännchen, das eine weiße Flüssigkeit enthielt.
„Nehmen Sie Milch und Zucker?“ Die Alte deutete auf die Gefäße.
Trywwidt riss die Augen auf und starrte entsetzt auf den Tisch. Käferkacke! Was mache ich jetzt? Gift für die Zähne und ein Sekret aus den Milchdrüsen von Kühen. Schmierige Schneckenspucke! Wie widerlich!


Vor Ekel schüttelte sie sich und heiße Wut auf die Menschen kochte in ihr hoch. Diese entsetzlichen Wesen, die nicht davor zurückschreckten, Tiere auszubeuten, sie sogar zu töten. Um nicht losschreien zu müssen, presste sie die Zähne zusammen, bis ihr die Kiefer schmerzten.
Aber diesen primitiven Kreaturen brauchte man sicher nicht mit den Vorzügen von biosynthetischen Lebensmitteln zu kommen. Sie würden es ohnehin nicht verstehen.

Allein der Kaffee! In Trywwidt brodelte es. Aus Pflanzensamen wurde er gemacht. Samen, denen die Chance genommen wurde, zu keimen und zu leben. Dann der Zucker. Ein Konzentrat aus Pflanzen, die bei lebendigem Leibe zerstückelt wurden. Trywwidt fixierte die weißen Kristalle, die so unschuldig in der Zuckerdose funkelten. Ganz ruhig! Nicht auffallen, Trywwidt! Zieh es durch!

„Nein danke! Ich trinke den Kaffee schwarz“, antwortete sie mit gepresster Stimme.
„Richtig so. Ich auch. Das Aroma wird sonst nur zugekleistert.“ Die Alte schenkte ihr ein, setzte sich in den Sessel und goss sich ebenfalls eine Tasse ein. „Bei der Hitze hat man ja gar keinen Kaffeedurst. Aber hier drinnen ist es im Sommer so schön kühl. Da geht schon mal ein Käffchen an einem heißen Tag.“ Sie kicherte listig und trank. „Ach, tut das gut! Diese Hitze aber auch. Dabei steht der Herbst vor der Tür.“

In wenigen Stunden würde auch Trywwidt vor einer Tür stehen. Doch sie würde wie der Winter sein, kalt und unbarmherzig. Das hatte sie inzwischen fest beschlossen.

Widerwillig führte Trywwidt die Tasse an die Lippen. Sie schlürfte ein paar Tropfen der Flüssigkeit in sich hinein und würgte sie tapfer hinunter. An ihrem Körper stellten sich sämtliche Härchen auf, so bitter schmeckte das Gebräu. Soweit Trywwidt wusste, war Kaffee ungiftig für Elfen, doch als sie ihn jetzt zum ersten Mal im Mund hatte, zweifelte sie daran.

„Sie wollen wirklich nichts essen? Nicht mal ein Eis?“ Die alte Menschin erhob sich bei ihrer Frage einige Zentimeter vom Platz, als ob sie gleich loslaufen wollte, um Nahrungsmittel herbeizuholen.

Käferkacke! Das wird immer schlimmer! Hastig schüttelte Trywwidt den Kopf. Ein Zeichen der Verneinung in dieser Region, soweit sie wusste.

„Wie haben Sie Herrn Schwarzvogel überhaupt kennengelernt? Beim Film?“, fragte die Alte und setzte sich zu Trywwidts Erleichterung wieder hin. „Er hat ja so selten Besuch. Da bin ich jetzt einfach mal neugierig, wissen Sie?“ Erwartungsvoll sah sie Trywwidt an.

Was meint sie mit „Film“? Jetzt sitze ich in der Falle. Was sage ich nur? Trywwidt lächelte freundlich, klammerte sich an die Kaffeetasse und nahm noch einen Schluck der schwarzen Brühe, um etwas Zeit zu schinden. Sie unterdrückte das starke Bedürfnis, sich zu schütteln, als der bittere Kaffee ihr die Kehle hinabrann. Dabei kam ihr eine Idee und sie antwortete: „Ich habe Herrn Schwarzvogel im Krankenhaus getroffen.“

Das ist nicht einmal gelogen, dachte sie und drückte die Bilder weg, die augenblicklich vor ihrem inneren Auge aufflackern wollten. Die Alte presste die rechte Hand an den Mund und starrte sie mit aufgerissenen Augen an. Sie wirkte, als hätte sie einen Schreck bekommen.

„Das habe ich ja gar nicht gewusst, dass der Herr Schwarzvogel im Krankenhaus war. Ich dachte, Sie sind eine von den Filmleuten. Da, wo er immer die Musik macht, wissen Sie?“ Da lebt man nun Tür an Tür und weiß so wenig voneinander, dachte Frau Raschke verblüfft.

„Warum war er denn im Krankenhaus? Hoffentlich nichts Schlimmes?“ Sie hing der jungen Frau an den Lippen und konnte die Antwort kaum abwarten. Die Neugier brannte ihr beinahe ein Loch in den Bauch. Die Kleine winkte beschwichtigend ab, sagte aber nichts weiter. Frau Raschke beschloss deshalb, noch ein wenig tiefer zu bohren. So einen bunten Vogel traf sie schließlich nicht jeden Tag. Wobei „bunt“ kaum das richtige Wort war. „Grün“ traf es eher. Frau Raschke sah genauer hin. Irgendetwas an den Augen des Mädchens kam ihr seltsam vor. So hell, fast schon gelblich und diese eigenartigen Pupillen.

Ob sie Kontaktlinsen drin hat? Was die jungen Leute heute alles so machen müssen, um mit der Mode zu gehen. Gedankenverloren schüttelte Frau Raschke den Kopf. Die haben es wirklich nicht leicht, dachte sie, froh darüber, heutzutage nicht jung sein zu müssen.

„Übrigens, ich habe vorhin gar nicht Ihren Namen verstanden. Ich bin Hannelore Raschke. Und wie heißen Sie?“

Schleimige Spinnenspucke! Jetzt will sie auch noch meinen Namen wissen. Wie ging das gleich? Menschen hatten mindestens zwei Namen. Einer für vorne und einer für hinten. Der hintere Name konnte ein Problem werden. Trywwidt musste improvisieren. Wie war das bei der Zielperson? Klaus und Müller! Trywwidt lächelte erleichtert.

„Ich heiße Trywwidt Müller.“
Die Tasse der Alten zuckte kurz, als sie den Vornamen hörte. Sie wirkte verunsichert. Schöpfte sie etwa Verdacht? Trywwidt hielt ihre Tasse fester und drückte sie an sich.
„Trywwidt? Ein ungewöhnlicher Name. Der würde gut zu den Filmleuten passen. Sie sind wirklich nicht beim Film?“

Die Alte hatte den Namen geschluckt, wie die Menschen so schön sagten. Trywwidt atmete auf. Jetzt musste sie nur herausfinden, was das mit dem Film auf sich hatte. Was genau machten diese Filmleute? Sie stellte die Tasse ab, ließ die Blicke durch das Zimmer schweifen und kratzte sich an der Stirn. Na klar! Der Fernseher! Jetzt hatte sie die Antwort. Bis zum Umfallen hatte sie im Einsatztraining die Berichte und nachgespielten Geschichten gesehen. Genau das nannten die Menschen doch „Filme“.

„Nein. Ich arbeite nicht beim Film. Ich bin Gärtnerin.“ Trywwidt versuchte ein freundliches Lächeln.
Die Menschin nippte wieder an ihrem Kaffee. Eine ihrer Augenbrauen zuckte, als das Wort Gärtnerin fiel. „Ein schöner Beruf“, sagte sie. „Immer an der frischen Luft. Was bauen Sie denn so an?“

Endlich ein Thema, bei dem sich Trywwidt auskannte. Sie brauchte die Realität nur ein ganz klein wenig zu verbiegen und schon hatte sie eine wasserdichte Biografie. Entspannt ließ sie sich in die Sofapolster sinken. „Wir bauen nichts Bestimmtes an. Ich arbeite in einem botanischen Garten und versorge dort die Pflanzen in den Gewächshäusern.“

Die Alte stellte die Tasse ab und bekam ganz große Augen. „Ah. Ich verstehe. Das ist ja hochinteressant. Aber warum hat es Sie aus der Hauptstadt ausgerechnet hierher nach Bergstadt verschlagen?“
„Mein Chef hat mich hergeschickt. Ich soll eine seltene Pflanze abholen. Aber es gibt gerade ein Lieferproblem.“

Die Alte nickte verständnisvoll. Sie schien die Geschichte tatsächlich zu glauben. Das läuft doch alles prima, dachte Trywwidt und ergriff die Tasse, ganz erstaunt darüber, wie gut das Flunkern funktionierte. ...

 

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