Freitag, 11. Dezember 2015

Adventskalender Tag 11: Massenmord


Hinter dem 11ten Türchen verbirgt sich ein Kurzkrimi von Matthias Herbert. Viel Spaß beim Lesen :)

Massenmord von Matthias Herbert
© 2015

"Sie können kein Massenmörder sein", sagte er. „Das ist ausgeschlossen!“
So etwas war mir noch nie passiert. Für gewöhnlich fielen meine Kunden auf die Knie, zitterten, beteten, erzählten mir von ihren ehelichen und unehelichen Kindern oder beichteten alle ihre Sünden. Sie versuchten mich zu kaufen, boten mir das Doppelte und Dreifache dessen, was mein Auftraggeber zahlte und einer wollte mich sogar mit seinem Porsche ködern. Ich habe ihn trotzdem getötet. Ich bevorzuge englische Fahrzeuge, das hat Stil.

Noch nie hatte mir jemand widersprochen, nachdem ich mich vorgestellt hatte.
Aber es gibt für alles ein erstes Mal und ja, ich weiß, dass das ein Klischee ist. Wenn SIE jetzt auch noch anfangen, mich zu kritisieren oder mir zu widersprechen, dann komme ich vielleicht in einer der nächsten Nächte mal bei Ihnen vorbei, wie würde Ihnen DAS gefallen?

Dachte ich mir.
Darf ich jetzt bitte weiter erzählen?
Danke.
Wo war ich?
Porsche, Jaguar, Stil, genau.

Stil hatte auch dieser Kerl, der in seinem hohen Ledersessel hinter dem Designerschreibtisch saß und keine Anstalten machte, diesen mit der oft zu bewundernden nassen Hose zu besudeln. Den Sessel, nicht den Schreibtisch. Er hatte die Fingerspitzen aneinander gelegt hatte und sah mich über die Ränder seiner halben Brille herablassend an.

"Das ist ein weit verbreiteter Irrtum", erklärte er, als stünde er in seinem Hörsaal.

Ich wusste, dass er Physiker war und wenn ich es nicht gewusst hätte, dann wäre es mir jetzt klar gewesen. Ich hatte keine Idee, warum ich ihn töten sollte und ich hatte auch keinen Gedanken an diese Frage verschwendet. Wer mich bezahlte, hatte einen Grund und das reichte mir für gewöhnlich. Dieser Kunde jedoch war gerade dabei, mir zusätzlich einen kleinen, ganz persönlichen Anlass zu liefern.

Ich mag nicht belehrt werden.
Insbesondere nicht, wenn ich derjenige bin, der die Waffe in der Hand hält und auf den anderen richtet.

"Eine Masse können Sie nicht ermorden, das widerspricht allen physikalischen Gesetzen", dozierte Professor Klugscheiß weiter. " Also können Sie auch kein Massenmörder sein. Wenn Sie mir mitteilen wollen, dass Sie bereits viele Menschen erschossen haben, dann bitte ich Sie, sich korrekt auszudrücken. Insbesondere, wenn es das Letzte sein soll, was ich höre. Sie haben maximal eine Menge Menschen getötet. Also sind Sie höchstens ein Mengenmörder. Das ist ein großer Unterschied."

"Für Sie kein entscheidender", sagte ich und drückte ab.
Es waren eine Menge Projektile mit einer Masse von jeweils 9 Gramm, die seinen Körper durchschlugen.
Er war tot, bevor er aus dem Sessel rutschte. Als er auf den Boden schlug, gab ich ihm noch einen letzten, ganz persönlichen Schuss mit.

Menge. Masse. Mörder.
Alles, was ich über meinen Job weiß, habe ich von meiner Mutter gelernt. Und sie hatte mich gewarnt. „Es gibt so Tage“, hatte sie gesagt. „Da gehen einem die Kunden
einfach nur auf die Nerven.“


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