Sonntag, 4. Oktober 2015

[Autoreninterview] Ela Feyh




Stell dich doch bitte einmal kurz vor
In der Kürze liegt ja bekanntlich die Würze. Also getreu nach diesem Motto:
Ich bin eine schreibverrückte Kräuterhexe.
Am liebsten würde ich den ganzen Tag in meinen Fantasy-Welten verbringen. Doch leider funktioniert dieser Ideal-Zustand nur sehr selten, weil eine Menge andere Dinge wie arbeiten, einkaufen, die Katze versorgen, gutes Wetter, putzen, etc. dazwischen funken. Die Kräuterhexe fordert während des Schreibens eigentlich immer entweder eine Tasse Tee oder mit Kräutern versehene Kaltgetränke neben, und ganz viele Pflanzen um sich.
Durch mein Chemiestudium erhielt ich einen sehr interessanten Einblick in die Materie und genau darauf hatte ich es abgesehen. Kein Stoffwechselprozess oder Phänomen ist sicher vor meiner Neugier und wird systematisch bis zum bitteren Ende analysiert. Manchmal ist das jedoch nicht möglich, was mich einige Zeit in den Wahnsinn getrieben hatte. Mit dem Alter legte sich aber dieser Wesenszug.
Die Leidenschaft die Dinge genau unter die Lupe zu nehmen und anschließend anderen zu erklären ist nicht nur ein wichtiger Teil meiner Persönlichkeit, sondern auch in meinen Büchern zu finden. Aber dort halte ich mich sehr zurück.
 
Erzähl uns doch einmal etwas über deine Bücher/ dein Buch. 
http://elafeyh.de/Bilder/cover%20-%20Feuerhelix-HPklein.jpg

Mein Debüt-Roman heißt Feuerhelix und spielt in einem dystopen Berlin, in dem Fabelwesen (dort Nephyle genannt) mehr oder weniger friedlich zwischen den Menschen leben. Hauptpersonen sind die Hexe Lucy, die nichts mit ihren Fähigkeiten zu tun haben möchte, weil sie furchtbare Angst vor ihnen hat; ihre Tante Fiona, die mit Freuden ihre Fähigkeiten einsetzt, ungeachtet möglicher Gefahren, und auch sonst recht locker drauf ist; dann Lucys beste Freundin und Elfe Alina und die Sukkubus Eva, mit denen Lucy in einer WG lebt, in der es manchmal ganz schön chaotisch zugeht; ihr alter Schulfreund Aaron, der ein Geheimnis hütet, das Lucy in Lebensgefahr bringt und der sie auch sonst nicht sehr ritterlich behandelt; und zu guter Letzt ein Halbgott, der meint, dass Gesetze und moralische Grenzen für ihn nicht gelten.
Neben verschiedenen Fabelwesen begegnen dem Leser einiges wissenswertes über Pflanzenkunde und die Arbeit im Chemielabor, spannende Verfolgungsjagden und aussichtlose Situationen, teilweise schräger Humor und ein Hauch Erotik.
 
Klappentext:
Lucy führt ein entspanntes und manchmal langweiliges Leben als Hexe in einem Forschungsinstitut, bis sie ihrem alten Schulfreund Aaron über den Weg läuft. Dieser versucht mit allen Mitteln seine entführte Schwester zu finden und zwingt Lucy zu halsbrecherischen Einsätzen. Dabei gelangt sie aber nicht nur immer tiefer in Bereiche der Zauberei, welche sie sich geschworen hatte zu meiden, sondern muss sich auch noch gegen Aaron behaupten. Denn er verschweigt Lucy ein wichtiges Detail, das zum Lösen des Falls unentbehrlich ist: seine wahre Identität.
 
Zwischen den Welten – Tagebuch einer Hexe:
http://elafeyh.de/Bilder/Cover%203.0.jpgDas Buch behandelt die Vorgeschichte der Hauptprotagonistin aus „Feuerhelix“. Die Geschichte spielt vor der Zeit, in welcher die Fabelwesen offen unter den Menschen leben können.
Lucy zieht nach dem Tod ihrer Familie zu ihrer etwas schrägen Tante Fiona. Neben ihrer Trauer versucht sie sich so gut es geht in ihr neues Leben einzufügen, was ihr häufig nicht leicht fällt. Besonders, als plötzlich merkwürdige Dinge und kuriose Wesen auftauchen. Bald erkennt Lucy, dass sich für sie weit mehr ändert als der Alltag und ihre neuen Freunde.
 
Klappentext:
Seltsame Begegnungen kommen manchmal vor.
Die erste, beinahe furchteinflößende, passierte zu Beginn meines Schulwechsels, als ich Aaron kennenlernte, und die nächste, als ich mit einigen Freunden an den See fuhr.
Bislang hatte ich nie an andere Wesen und übernatürliche Phänomene geglaubt, aber seitdem ich dieses Blickduell zwischen Aaron und Leander beobachtet hatte, zweifelte ich mein Weltbild ernsthaft an. Es gab doch keine Wesen, deren Haut plötzlich zu glühen begann, deren Augen auf einmal finsteren Löchern glichen und die einem eine Gänsehaut einjagten, weil einem das Gefühl überkam, zwischen zwei kollidierende Welten geraten zu sein. Oder doch?
 
Hast du schon neue Projekte geplant? Magst du uns vielleicht dazu etwas erzählen?
Vor lauter Ideen, weiß ich manchmal gar nicht, wo ich anfangen soll.
Gerade schreibe ich an der Fortsetzung von Feuerhelix. Und dann ist da noch mein High Fantasy Epos, von dem ich im Herbst den ersten Teil herausbringen möchte. Dass ich auch dort an der Fortsetzung schreibe, ist ja denkbar ;) Vor Kurzem kam mir die Idee für ein Buch voller Kurzgeschichten über die verschiedenen und teilweise sehr absurden Arbeitsweisen im Labor. Mal sehen, wann diese Idee weiter ausgearbeitet wird ...
 
Was möchtest du uns sonst noch erzählen?
Das ist eine gute Frage ... und gerade fällt mir auf diese wirklich nichts ein. Wer mehr über mich erfahren möchte, kann sich gerne auf meiner Facebook-Seite oder auf meiner Homepage umsehen. Dort gibt es weitere Leseproben zu anstehenden Projekten, einige spannende Geschichten und viel Unsinn aus meinem Leben zu lesen.
Zum Schluss möchte ich mich bei all den Menschen bedanken, die mir geholfen haben die Bücher zu veröffentlichen, und bei denen, die diese begeistert lesen und so viele tolle Rezensionen geschrieben haben.
 
Leseprobe aus Feuerhelix

http://elafeyh.de/Bilder/cover%20-%20Feuerhelix-HPklein.jpg
»Der wacht ja schneller auf, als erwartet.« Bewaffnet mit einem Besen trippelte ich auf Zehenspitzen in den Flur. Sollte ich da jetzt wirklich reingehen? Unschlüssig beäugte ich die Tür und lauschte auf weitere Geräusche, aber bis auf das Knarzen meines Bettes hörte ich nichts. Jetzt gib dir einen Ruck, er wird dich schon nicht umbringen! Trotzdem kroch die Angst in meine Brust und begann meine Atmung lahmzulegen. Ich presste die Lippen aufeinander und bekämpfte die Panik, indem ich mehrmals tief durchatmete, bevor ich den Schlüssel umdrehte. Lautlos öffnete sich die Tür.
Zwei tiefschwarze Augen fixierten mich, lösten Urängste in mir aus, die ich nicht verstand. Er war ein Freund und kein Monster, oder doch? Jetzt gerade wirkte Aaron jedenfalls nicht wie ein guter Bekannter. Angespannt hockte er auf meinem Bett und wirkte wie eine Krähe, kurz bevor sie ihren Nachbarn hackte.
»Was ist mit mir passiert? Wo bin ich?«, verlangte er mir versteinerter Miene zu wissen. Seine Stimme schien direkt aus einem rotglühenden Schmiedeofen zu stammen. Da es mittlerweile zu dämmern begann, konnte ich sein Gesicht nur schemenhaft erkennen. Dennoch glaubte ich, ein leichtes Flimmern um ihn wahrzunehmen. Bildete ich mir das ein? Ich blinzelte, das eigenartige Phänomen blieb jedoch bestehen. Was hatte er vor? Wollte er mich verbrennen? Ging das überhaupt?! Ich nahm all meinen Mut zusammen und ging, den Besen weiterhin fest umklammert, in mein Zimmer. Was sollte schon passieren? Wenn er handgreiflich wurde, konnte ich das Pulver werfen. Also trat ich vorsichtig näher und wartete ab. Da er mich weiterhin nur fixierte, traute ich mich etwas zu sagen. Vielleicht konnte ich ihn ja besänftigen und das Ganze hier endete doch noch gut. Mein Instinkt zweifelte jedoch an meiner positiven Ansicht. Mit einigen Schwierigkeiten, da meine Hände heftig zitterten, stellte ich den Besen an die Wand, um meine guten Absichten zu unterstreichen – immerhin wirkte eine bewaffnete Person nicht gerade vertrauenserweckend –, setzte mich auf den Schreibtischstuhl und versuchte so entspannt wie möglich zu wirken. Seine abweisende Haltung und Mimik erschwerte mein Vorhaben jedoch erheblich, sodass ich stocksteif auf dem Stuhl hockte und mich zur Atmung zwingen musste. Warum jagte der Typ mir bloß so eine Angst ein?
»Beruhige dich bitte«, sagte ich sanft und hoffte inständig, dass er das leise Beben meiner Stimme nicht hörte.
»Warum bin ich hier?« Jedes Wort zerschnitt die Luft und fühlte sich wie Glasscherben an, die über meine Haut kratzten. Das letzte bisschen Hoffnung, das hier unbeschadet zu überstehen, verschwand in dem Moment, als die Luft um ihn herum intensiv zu flimmern begann und die Zimmertemperatur Saunaniveau erreichte. Was passierte hier? Bei den Göttern, lass das hier gut enden! Ich ballte meine Hände, um die zitternden Finger zu verbergen. »Du bist angeblich ausgetickt, weshalb Alina und Eva dich hierher brachten.«
Schwarze Augen durchbohrten mich förmlich. Ich verkrampfte meine Hände im Schoß, sodass die Knochen weiß hervortraten, zwang mich aber ruhig zu bleiben und nicht sofort aus dem Zimmer zu stürmen, wie mein Instinkt mir entgegenschrie. Einer von uns musste bei Vernunft bleiben, andererseits konnte das hier böse enden, zumal ich immer noch nicht wusste, was er war. Ein schlimmer Verdacht drängte sich mir auf. Konnte er einer der Halbgötter sein? Dann war ich so gut wie tot, wenn er seiner Wut freien Lauf ließ, denn selbst als Hexe konnte ich ihm dann kaum die Stirn bieten.
»Was ist genau passiert?«, fragte ich zögernd und zwang mich ihn direkt anzusehen. Vergeblich. Die von ihm ausstrahlende Hitze verbrannte mein Gesicht, sobald ich es ihm länger als einige Herzschläge zuwandte.
»Meine Schwester wurde entführt.« Verdutzt hob ich die Augenbrauen. Er hatte eine Schwester? Warum hatte er sie nie erwähnt? »Die Polizei sucht sie sicherlich schon.« Die Luft wurde immer heißer. Mir brach der Schweiß aus, obwohl ich innerlich fror. Was sollte ich nur tun? Meine Worte schien er nicht verstanden zu haben, da er mich weiterhin mit mörderischem Gesichtsausdruck fixierte. Die Sonne war vollständig untergegangen und dennoch konnte ich Aaron deutlich erkennen. Die Luft um ihn herum glühte gelborange und erleuchtete mein gesamtes Zimmer.
»Hör mal, ihr habt die besten Spurenleser. Die werden sie wiederfinden!«, versuchte ich noch einmal zu ihm durchzudringen.
»Sie ist eine von vielen. Du glaubst doch nicht etwa, dass die sie nur aufgrund unseres Verwandtenstatus‘ in eine höhere Kategorie einordnen? Sie haben nicht einmal ihre Wohnung durchsucht!« Seine Stimme war eiskalt, ein krasser Kontrast zu der Umgebung, die beinahe in Flammen zu stehen schien.
»Aaron!«, quiekte ich und rieb mir die Arme, auf denen ein ganzer Ameisenstaat herumzuwuseln schien, einschließlich gelegentlicher Beißattacken. Der Mann ignorierte meinen Ausruf, saß weiterhin regungslos auf dem Bett, dass aus mir unerklärlichen noch nicht Feuer gefangen hatte – Dies geschah allerdings gerade neben mir auf dem Schreibtisch mit einem Block. Ganz langsam fraßen sich die Flammen durch das Recyclingpapier und vernichteten meine Aufzeichnungen. In meinem Kopf schrillten sämtliche Alarmglocken und drängten mich zu verschwinden, ich blieb jedoch steif sitzen, auch deshalb, weil ich meine Beine keinen Zentimeter bewegen konnte, und erstickte mit einem Schal, der über der Lehne des Stuhls hing, die tanzenden Flammen. Der Geruch von verbrannten Haaren ließ für einen Moment meinen Atem stocken. Wenn ich nicht schleunigst etwas unternahm, würde ich demnächst als Aschehaufen enden!
Verdammt, Alina und Eva waren hierfür ausgebildet worden, ich aber nicht! Und wenn man die beiden mal unbedingt brauchte, waren sie nicht da.
Ich sah Aaron flehend an, er schien mich jedoch kaum zu registrieren. Umhüllt von einer Hitzeblase, saß er erstarrt auf meinem Bett, die Augen zu zwei schwarzen Schlitzen verengt, die Hände im Schoß zu Fäusten geballt. Lass das hier gut ausgehen, flehte ich erneut zu den Göttern und setzte mich mit steifen Bewegungen neben ihn aufs Bett. Sobald ich in seine Nähe kam, hatte ich das Gefühl, vor einem Schmiedefeuer zu sitzen. Ich war der felsenfesten Überzeugung, dass, wenn ich ihn anfasste, was ich garantiert nicht in seinem jetzigen Zustand täte, mir meine Finger verbrennen würde.
»Woher willst du wissen, dass sie nicht ihre Wohnung untersucht haben?«, versuchte ich ihn zu beruhigen. Ich erinnerte mich an Alinas kurzen Bericht, dass Aaron nach einem Telefonat außer sich geraten war. Demnach hatte er bis dato nicht einmal von der Entführung seiner Schwester gewusst, oder doch?
Aaron starrte auf die Holzdielen und knirschte so laut mit den Zähnen, dass mir die Haare zu Berge standen. Hörte er mir überhaupt zu? »Aaron?« Sein kalter, aber zugleich feuriger Blick ließ mich zusammenfahren. Unbehaglich rutschte ich ein wenig von ihm fort, blieb aber weiterhin auf dem Bett, um ihm zu signalisieren, dass er nicht alleine war.
»Weil sie es mir vorhin mitteilten.« Das war also das Telefonat gewesen. Wie hatte er überhaupt zur Arbeit gehen können?
»Und was hast du jetzt vor?« Mir lief der Schweiß den Rücken herunter, nicht nur, weil er mir eine Heidenangst einjagte, sondern auch, weil die Sauna zu einem Ofen mutiert war. Ich musste hier so schnell wie möglich raus! Mich wunderte, dass das Plastik meiner Schreibtischlampe nicht zu schmelzen begann.
»Du wirst mir helfen, ihre Wohnung zu untersuchen.«
»Ich?« Fassungslos glotze ich in sein schmerzverzerrtes Gesicht. Meine Angst hatte ich für den Augenblick vergessen. »Dafür bin ich nicht ausgebildet!« Wie stellte er sich das vor? Dass ich von allen Ecken Proben nahm und analysierte? Wahrscheinlicher war eher, dass ich die einzigen Spuren aus Unachtsamkeit vernichtete! Dann gäbe es nichts mehr zu analysieren.
»Du arbeitest doch in einem Labor …« Er klang wie ein Toter; tonlos, leicht rauchig und absolut kalt. Die Angst meldete sich prompt wieder zurück in Herz und Magen – trotzdem versuchte ich, mich weiter gegen ihn zu behaupten. »Ja, aber …«
»Also. Pack deine Sachen und komm mit!« Er machte Anstalten sich zu erheben, ich blieb aber stur auf dem Bett sitzen, wagte es sogar, die Arme vor der Brust zu verschränken und die Lippen zu schürzen. Was dachte der denn, wer er sei? Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich mich an einem Tatort zu verhalten hatte, geschweige denn, wie die Ermittler die Spuren sammelten. Ich wertete sie lediglich aus ¬– das konnte ich, sehr gut sogar, aber das andere …
»Luciane …« Mein Name stand wie eine Drohung im Raum, schien genau über mir zu schweben und mich unter sich zu begraben. Ich hatte Schwierigkeiten zu atmen und japste mit einem Mal wie eine Ertrinkende nach Sauerstoff. »Aaron, bitte …« Ich fasste an meinen Hals, in welchem flüssiges Feuer hinunter in meine Lunge zu laufen schien. Scheiße, was war das?! Panisch starrte ich ihn mit weit geöffneten Augen an. Ich wollte schreien, um mich schlagen, irgendetwas tun; Sauerstoffmangel, Angst und Hitze benebelten jedoch mein Hirn, sodass ich zu keiner einzigen Handlung fähig war.
Langsam rückte Aaron auf mich zu, stemmte die Hände an die Wand hinter mir und fixierte mich so zwischen sich.
 
Leseprobe aus „Zwischen den Welten – Tagebuch einer Hexe“
http://elafeyh.de/Bilder/Cover%203.0.jpg
Alles fing mit einem Moment an. Einem Moment, den ich niemals erwartet hatte, der nicht einmal in meinen schlimmsten Albträumen vorgekommen war.
Erst war es nur ein langes Warten gewesen. Ein unendlich langes Warten, da sie immer das eingehalten hatten, was sie sagten. Gelangweilt hatte ich auf dem Sofa gelesen und alle zwei Minuten auf meine Armbanduhr geblickt.
Dann klingelte es. Verdutzt, wer zur späten Stunde noch hierher wollte, stand ich auf und öffnete die Tür. Zwei Männer in Uniform, die ich zuerst gar nicht erkannte, standen vor mir und machten eine ernste, fast mitleidige Miene.
»Fräulein Galender, dürfen wir eintreten?« Immer noch perplex bat ich sie, zusammen mit einer kleinen Frau, die hinter den beiden versteckt stand, in die Küche, wo wir uns an den Esstisch setzten.
»Es tut uns leid Ihnen mitteilen zu müssen …« Weißes Rauschen ließ die Stimmen ersterben. Die mitfühlenden Mienen der Männer und die sanfte Stimme der Frau verstand ich nicht. Ihre Münder bewegten sich wie bei Fischen, aber kein Ton kam heraus.
Nach und nach setzte sich dann die Information in meinem Bewusstsein fest. Ich war allein. Keine Mutter, kein Vater, kein Bruder mehr. Und alles nur wegen eines telefonierenden LKW-Fahrers, der das Drama sogar überlebt hatte, wenn auch schwer verletzt. Die Polizisten und die Frau redeten weiter auf mich ein, standen manchmal auf, um den Raum zu verlassen und dann mit Papieren zurückzukehren; mir kam die Situation aber wie in einem Film vor, in dem die Hauptperson still stand, während die Welt um sie herum weiter rotiert.
»Luciane, verstehst du mich?« Ich blinzelte in das freundliche Gesicht der Frau. Dann bemerkte ich verwirrt eine Hand auf meiner.
»Was wollten Sie?« Meine Stimme klang tonlos, tot – wie meine Familie es war. Auch in mir hatte sich die eisige Kälte ausgebreitet und ließ mich frösteln. Ich schlang die Arme um meinen Körper und blickte halb zu der Frau, in deren braunen Augen unendliche Trauer lag.
»Ich möchte dir den weiteren Fortgang erläutern«, wiederholte sie geduldig und legte eine Decke um mich. Ich deutete ein Nicken an. Sie sagte verschiedene Dinge, von denen ich aber nur Wortfetzen verstand. Was sollte ich auch mit Beerdigung, Testament, Seelsorger und den anderen Begriffen anfangen? Für mich waren das fremde Begriffe, mit denen ich nichts zu tun haben wollte. Trübe blickte ich die Frau an, wollte weinen, aber es ging nicht. Die Leere war in meinem Kopf angekommen und verdrängte alle Gedanken und anderen Gefühle. Mir war egal, was in den nächsten Tagen geschah.
»Soll jemand von uns hier bleiben?« Ich schüttelte den Kopf. Ich kannte diese Leute doch gar nicht. Was hätten sie schon tun können? Eher sollten sie gehen, damit ich … Ja, was? Ich sah mich hilfesuchend im Raum um, fand aber nichts, was mich aus der Situation retten konnte. Mein Blick streifte den der Frau, die sich als Seelsorgerin bezeichnete.
»Hast du Freunde, die wir anrufen könnten?«, fragte sie weiter und ignorierte die besorgten Blicke der Polizisten, die jetzt still vor der Arbeitsplatte standen. Ich nickte langsam und griff nach dem Handy, das ich immer in der Hosentasche trug. Wollte ich aber wirklich jemanden hier haben? Ich ließ das Handy wieder los.
»Falls du mit jemanden sprechen möchtest, hier ist meine Nummer. Ich werde morgen früh wieder vorbeikommen, um nach dir zu sehen«, sagte die Frau und reichte mir eine Visitenkarte. Mechanisch nahm ich sie entgegen, nickte kurz und starrte wieder auf die Küchenuhr, deren vorrückende Zeiger ich jedoch kaum wahrnahm, genauso wenig wie die weiteren Sätze der Frau.
In den kommenden Tagen war immer jemand bei mir, aber ich nahm weder die Seelsorgerin noch Bekannte und Freunde wirklich wahr. Die Nachricht vom Tod der Galenders war anscheinend allgemein durchgedrungen, denn es besuchten mich nach einer Woche immer mehr Menschen und drückten ihre Anteilnahme aus. Auch meine Tante aus Deutschland meldete sich und stand zwei Tage später in der Küche des nun fast verlassenen Hauses. Ich war kurz bei einer Freundin untergekommen, weil ich es zu Hause nicht mehr ausgehalten hatte. In ihrem Familienleben drohte ich aber zu ersticken. So viele Gefühle, immer jemand, der in meiner Nähe war. Als meine Tante kam, flüchtete ich regelrecht in mein altes Zuhause. Fiona war eine stille Frau und ließ mir meinen Freiraum und meine Ruhe, wofür ich dankbar war.
Ich stellte keine Fragen und redete auch sonst kaum, nur eine Sache wollte ich machen: Den Unfallort sehen. Ein kleiner Teil in mir glaubte nicht, dass sie wirklich gegangen waren, sondern in etwas hineingeraten waren und verschleppt worden waren. Meine Tante fuhr mich zu der Landstraße und hielt vor einem Felsen an. Jemand hatte ein Kreuz an die Stelle des Unfalls genagelt, verschiedene Kränze, Blumen und Kerzen standen darunter. Bebend sackte ich zu Boden, berührte das Holz mit den Fingern und zum ersten Mal seit dem Abend, an dem die Polizisten in das Haus gekommen waren, weinte ich wieder. Lange, ohne Pause. Das Fiona mich in den Arm nahm, spürte ich kaum. Nach einiger Zeit saß ich wieder auf dem Beifahrersitz ihres Autos und starrte in die einbrechende Dunkelheit.





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen