Sonntag, 13. September 2015

[Autoreninterview] Nicole Horn



Stell dich doch bitte einmal kurz vor.
Ich kam am 08. Februar 1973 als Erstgeborene von zwei Kindern in Würzburg zur Welt. Bis zu meinem zwölften
Lebensjahr wuchs ich in einem kleinen Ort in der Nähe von Würzburg auf.
Danach begann eine Zeit mit vielen Umzügen und Schulwechseln. Meine Kindheit war von schweren Schicksalsschlägen geprägt. Mit achtzehn Jahren
lernte ich meinen Mann kennen und bin seitdem glücklich verheiratet und mittlerweile Mutter von zwei wundervollen Söhnen . Beruflich lernte ich nach der Schule Hotelfachfrau, was mich jedoch nicht wirklich
erfüllte, sodass ich diese Ausbildung abbrach. Seitdem arbeite ich seit nun zwanzig Jahren als Heilerziehungspflegerin in einer Wohngruppe
für Menschen mit geistigen und psychischen Erkrankungen, was mir großen Spaß macht.
Bereits im Teenager-Alter habe ich immer wieder Gedichte geschrieben und so meine Gefühle zum Ausdruck gebracht.
Jedoch erst im Jahre 2006, nach einem schweren psychischen Zusammenbruch, integrierte sich die Schreiberei so wirklich in mein Leben, und ich hielt meine Gedanken und Gefühle in Form von Gedichten und Texten fest.
Die Idee, ein Buch über mein Leben mit meiner psychischen Erkrankung zu schreiben, spukte schon viele Jahre in meinem Kopf herum. Sie war aus meiner persönlichen Homepage und den vielen positiven Rückmeldungen von betroffenen Menschen entstanden.
Ich fühlte den Drang danach, anderen Menschen Mut zu machen und ihnen zu zeigen, dass sie mit ihrem Schmerz nicht allein sind und vor allem, dass es einen Weg heraus aus dem seelischen Schmerz gibt.
2014 war es dann soweit. Ich schrieb das Manuskript zu meinem Buch und erfüllte mir damit einen Lebenstraum.


Erzähl uns doch einmal etwas über deine Bücher/ dein Buch.
cover_buch.jpg Ich habe vor Jahren eine Homepage ins Internet gestellt über meine Lebensgeschichte und der Aufarbeitung meiner Lebensgeschichte. Immer wieder hatte ich Gedanken dabei einmal ein Buch zu schreiben..  Viele Jahre blieb es nur bei den Gedanken, doch im Jahre 2014 begann ich dann mit dem Schreiben. Daraus entstand ein Buch über die Borderline Störung aus Sicht einer Betroffenen.

Klappentext:
Die Autorin wollte mit diesem Buch keinen klassischen Ratgeber schreiben, sondern vielmehr die Borderline-Störung mit viel Gefühl und persönlichen Erfahrungen, aus Sicht einer Betroffenen, beschreiben. Sie klärt auf, bricht ihr Schweigen und holt die Borderline-Störung aus einer Tabuzone heraus. Offen und ehrlich beschreibt sie hier ihre Gefühls- und Gedankenwelt, die durch Borderline geprägt ist und gibt unter die Haut gehende Gedichte wieder, die in verschiedenen Phasen ihres Lebenswegs entstanden sind.
Durch dieses Buch möchte sie Betroffenen und deren Angehörigen Mut machen, wie auch interessierten Lesern einen Einblick in ein Leben mit der Erkrankung Borderline geben.  Der Autorin ist es wichtig, zu vermitteln, dass es trotz psychischer Erkrankung möglich ist, ein lebenswertes Leben zu führen und dem Teufelskreis aus Leiden und Opferhaltung zu entkommen.
Franziska Neidt hat es geschafft, sich ihrer Vergangenheit mit traumatischen Erlebnissen, wie Missbrauch und Gewalt, zu stellen und zeigt uns in diesem Buch ihren Weg in ein neues Leben.

Leseprobe:
Die Bedeutung der Mohnblume
Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind mit meinen Freundinnen in den Mohnblumenfeldern saß und wir oft dieses Spielchen spielten.
Wir nannten es „Engelchen und Teufelchen“. Wir öffneten immer die geschlossenen Knospen der Mohnblumen. Kam dann eine rote Mohnblume zum Vorschein, war man ein Teufelchen, kam eine weiße Mohnblume hervor, was immer sehr selten war, war man das
Engelchen. Das machte stets viel Spaß.
Die Jahre vergingen, ich wurde erwachsen, und die Mohnblumen waren plötzlich nichts Besonderes mehr, bis zu jenem Tag.
Im Mai 2007 saß ich mit meinem Schwiegervater am Frühstückstisch, und so, wie an jedem Morgen, las er seine Zeitung, und ich trank meinen Kaffee. Es war einer dieser Tage, an dem wir wieder über viele Dinge geredet haben. Ich weiß nicht wie wir darauf gekommen
sind oder was der Auslöser für dieses Thema war, aber ich
sagte zu ihm, dass ich es komisch fände, seit meiner Kindheit keine Mohnblumen mehr gesehen zu haben. Ich erzählte ihm von meinen Kindheitserinnerungen und in welchen Mengen diese Blumen da zu
finden waren. Und jetzt? Alle weg. Ich fragte ihn, ob es überhaupt noch Mohnblumen gäbe, aber er hatte darauf leider keine Antwort für mich.
Drei Tage später fuhr ich mit meinem Mann zu Freunden. Wir saßen im Garten, und da sah ich sie. Ich sah eine einzelne Mohnblume. Es war keine der wilden Sorte, aber es war eine Mohnblume. Nach dem Gespräch mit meinem Schwiegervater konnte ich es kaum fassen,
und erzählte dies voller Freude meinem Mann.
Es verging ca. eine Woche, und ich fuhr, wieder mit meinem Mann,in unserem Ort am Sportplatz vorbei. Am Straßenrand sah ich plötzlich unzählig viele Mohnblumen. Ich habe einen Schrei losgelassen und habe aus dem Auto zurückgeschaut, weil ich es nicht Glauben konnte. Mein Mann hatte sich ein wenig erschrocken und
fragte, was denn nun los sei, doch als ich ihm den Grund für meinen Aufschrei nannte, grinste er mich an. Für ihn waren es wahrscheinlich nur Blumen, also nichts Besonderes. Ist ja auch verständlich.
In dieser Zeit passierte sehr viel. Mein Schwiegervater war sehr krank, und einige Tage später, am Vatertag dieses Jahres, starb er an seiner schweren Krankheit, nur zwei Wochen nach unserem Gespräch über die Mohnblumen.
Fünf Tage nach seinem Tod hatte ich glücklicherweise einen Terminbei meinem Therapeuten. Mit dem Auto war ich ca. eine Dreiviertelstunde
unterwegs. Als ich von der Autobahn runterfuhr, ging es noch eine ganze Weile die Landstraße entlang, und das, was ich jetzt erzähle, ist für mich eine Art Wunder, eine Erfahrung, die ich
niemals mehr vergessen werde. Die Gefühle, die dabei in mir aufwallten,waren nicht zu beschreiben.
Ich sah plötzlich überall am Straßenrand Mohnblumen, immer wieder ganz viele auf einmal. Ich konnte mich nicht sattsehen. Ich glaube,nach dem vierte Mohnblumenfeld begann ich während der Fahrt im Auto so sehr zu weinen, dass ich kurz anhalten musste. Ich war überwältigt und wusste nicht, warum. Die Erklärung hierfür
bekam ich später dann von meinem Therapeuten.
Er sagte mir:
Mohnblumen hat es immer gegeben, in einem Jahr mehr, im anderen vielleicht weniger, aber sie waren immer da. Durch deine verletzte Seele und deine verdrängten Gefühle hast du sie nur nicht mehr wahrgenommen. Du hast sie nicht mehr gesehen. Sie haben
für dich nicht mehr existiert. Dass du sie nun wieder bemerkst und
diese Erfahrung machen durftest, hat damit zu tun, dass deine Gefühle zurückkommen. Du bist auf dem besten Weg und hast sehr vieles erreicht.
Nach der Therapiestunde hielt ich am Wegesrand, stieg aus, ging zu den Blumen und öffnete vorsichtig eine der Knospen, so wie früher als Kind. Ich war ein Teufelchen!
Hast du schon neue Projekte geplant? Magst du uns vielleicht dazu etwas erzählen?
Ja ich habe bereits neue Projekte geplant. Unter anderem schreibe ich immer wieder Gedichte und ich arbeite derzeit an einem Roman. Es soll ein Roman werden mit autobiografischem Hintergrund. Es erzählt von 2 Freundinnen, wo eine der beiden an der Borderlinestörung erkrankt ist und dies erst sehr viel später herausfindet. Ich möchte darin die Gefühlswelt der betroffenen schildern und die der "Angehörigen". Ich steh allerdings erst ganz am Anfang der Geschichte und es ist gar nicht so leicht zu schreiben, da mein erstes Buch rein aus meiner Sicht geschrieben wurde und ich somit aus meinen eigenen Erfahrungen berichten konnte. In dem Roman muss ich mich eher in die Protagonisten hineinversetzten um zu schreiben. Das muss ich noch fleißig üben.

Was möchtest du uns sonst noch erzählen?
Ja, was könnte ich sonst noch erzählen. Ich hatte vor kurzem meine erste Lesung mit meinem Buch und die 2. folgt bereits Anfang Juli. Dies war und ist eine große Herausforderung für mich, da ich eigentlich ein eher ruhiger mensch bin und Schwierigkeiten habe vor Menschen zu sprechen. Aber ich konnte es gut meistern.Das schreiben ist für mich sehr wichtig geworden und ich habe es mittlerweile gut in mein Leben integriert. Ich kann damit meinen Gefühlen Ausdruck verleihen.Natürlich gibt es auch Phasen wo ich Probleme habe mit dem Schreiben, wo ich Schreibblockaden habe, aber diesen gebe ich Raum und diese dürfen sein. Ich setzte mich da nicht unter Druck. Dann wird einfach ein paar Tage nicht geschrieben, bis es wieder klappt und ich wieder im Schreibfluss bin. Mein Buch habe ich damals unter dem Pseudonym Franziska Neidt geschrieben, weil mir mein Bauchgefühl dies so sagte. Jedoch muss ich heute dazu sagen, das ich mit meiner Geschichte, mit meiner Erkrankung so offen umgehe das ich auch kein Problem hätte wenn mein richtiger Name auf dem Buch stehen würde.

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